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Expose To The Right (ETTR) - Sinnvoll oder Unsinn?

Nach meinem Artikel über das Histogramm und wie dir das Histogramm bei der Beurteilung deiner Belichtung helfen kann, habe ich mehrere Anfragen bezüglich ETTR bekommen und warum ich nicht auch darauf noch eingegangen bin. Die Antwort darauf ist einfach: ETTR ist als Thema ebenso komplex wie das Histogramm selbst und verdient daher einen eigenen Artikel. Diesen liest du jetzt gerade!

Ich muss allerdings vorweg sagen, dass ich ETTR selber nahezu nie einsetze. Ich hatte in meiner Fotografie bisher schlicht noch nicht den Einsatzzwecke, bei dem ich gesagt hätte, dass ETTR die Bildqualität meiner Aufnahme jetzt entscheidend verbessern könnte. Ich wisst das auch schon aus anderen Artikeln: Ich fotografiere extrem pragmatisch und bin nicht zu sehr auf die bösen Worte wie "Rauschen", "Beugungsunschärfe" oder "Dynamikumfang" fixiert. Alle diese Faktoren können sicherlich dazu führen, dass die Bildqualität abnimmt. Die Frage, die du dir aber stellen solltest, ist: Sieht das denn überhaupt irgendjemand?! Kann man einen Qualitätsunterschied feststellen, wenn das Bild in den gängigen Größen betrachtet wird? Oder sieht man den Unterschied erst auf 100% / 500% Zoomstufe? Das ist meine Denkweise und deshalb spare ich mir die Zeit, um in jeder Situation das Maximum an Qualität aus einem Bild herauszuholen, weil ich es oft schlicht für unnötig halte. Aber so musst du natürlich nicht denken und weil ich die Theorie hinter ETTR auch durchaus spannend finde möchte ich dieses Themengebiet heute mit dir durchsprechen! Dann kannst du die Technik selber einmal ausprobieren und dann selbst entscheiden, ob du sie fortan einsetzen willst oder nicht.

Was ist eigentlich ETTR?

ETTR steht für "Expose To The Right" oder auf deutsch: "Nach rechts belichten". Gemeint ist damit die Belichtung eines Bildes mit der maximal möglichen Helligkeit, ohne Highlights ausfressen zu lassen (weshalb hier das Histogramm eine wichtige Rolle zur korrekten ETTR-Belichtung spielt). Die Theorie dahinter ist sehr technischer Natur und genau deshalb auch nicht für jeden Fotografen sofort verständlich. Ich versuche das Thema daher möglichst simpel zu beschreiben. Die Pixel Peeper unter euch mögen mir daher eventuelle Fehltritte was Fachbegriffe angeht verzeihen. Es ist nicht, dass ich es nicht weiß, aber eine massentaugliche Erklärung kann nicht immer maximale, wissenschaftliche Trennschärfe aufweisen.

Also, die Theorie hinter ETTR besagt folgendes: Wird ein Bild leicht überbelichtet, sodass maximal viel Licht auf den Sensor kommt OHNE einen überbelichteten (=ausgefressenen) Bereich zu erzeugen, kann durch eine Reduzierung der Belichtung in der RAW-Entwicklung eine bessere Bildqualität erzielt werden, als wenn direkt "korrekt" belichtet worden wäre. Ein Beispiel zur Illustration: Ich mache ein normal belichtetes Bild mit ISO 800. Jetzt mache ich ein um 1EV überbelichtetes Bild bei ISO 1600 (Blende und Verschlusszeit bleiben dabei identisch). Jetzt reduziere ich das um 1EV überbelichtete Bild in der Nachbearbeitung um 1EV und erhalte damit die gleiche Belichtung wie das Bild mit ISO 800, aber mit weniger Rauschen als das ursprüngliche ISO 800 Bild und damit mit besserer Bildqualität (so sagt es die Theorie hinter ETTR). Da Rauschen vermehrt in dunklen Bildbereichen auftaucht, führt eine nachträgliche Abdunklung hier zu einer Verbesserung der Bildqualität.

Den Ursprung hat diese Theorie beim Fotografen Michael Reichmann, der diese Technik im Jahr 2003 auf seinem Blog Luminous Landscape beschreibt und im Jahr 2011 erweitert (ein insgesamt äußerst empfehlenswerter, aber gleichzeitig hochtechnischer, englischer Blog über diverse, fotografische Techniken). Gleichzeitig ist die Zeitspanne auch mein persönlich größter Kritikpunkt an der ganzen Theorie, zur Kritik kommen wir aber später noch.

Reichmann legt die technische Theorie für diese Technik ebenfalls dar. Diese lässt sich wie folgt zusammenfassen (und spätestens jetzt solltest du noch einmal meinen Artikel zum Histogramm überfliegen, denn die technische Grundlage der Farbtiefe beim RAW wird jetzt wichtig):

Der Dynamikumfang eines Sensors wird in Blendenstufen angegeben. In seinem Originalartikel spricht Reichmann von Dynamikumfängen von 5-6 Blendenstufen. Hier mal eine Tabelle mit den aktuellen Dynamikumfängen verschiedener, populärer Kameras, jeweils beim niedrigsten möglichen ISO-Wert (Quelle: DxOMark):

Nikon D810 14,76 EV
Nikon D610 14,36 EV
Canon EOS 1DX MKII 13,48 EV
Canon EOS 5DSR 12,39 EV
Canon EOS 6D 12,11 EV
Canon EOS 7D MKII 11,78 EV

Hier wird also zuerst einmal deutlich: Seit der Entdeckung der Möglichkeiten von ETTR hat sich der Dynamikumfang der Sensoren mehr als verdoppelt!

Aber bleiben wir noch kurz bei der Theorie um zu verstehen, warum ETTR sinnvoll sein könnte: Ein RAW hat 12-14 Bit Farbtiefe, je nach Kamera. Nehmen wir konservative 12 Bit an, zur einfacheren Rechnung: Und gehen wir von Reichmanns Beispiel aus, haben wir 6 EV Dynamikumfang. 12 Bit entsprechen 4096 möglichen Tonwerten pro Kanal (s. Histogramm-Artikel). Jeder Blendenwert sollte demnach in der Lage sein, ca. 682 Tonwerte aufzunehmen (4096 durch 6). Der Sensor als Bauteil funktioniert so jedoch nicht! Ein CCD oder CMOS-Sensor, wie er in nahezu allen Digitalkameras verbaut ist, funktioniert linear und damit analog zu dem bekannten Wissen über Belichtung: Eine Halbierung der Belichtungszeit dunkelt das Bild um 1EV ab (ebenso mit Blendenwerten und ISO-Schritten). Übersetzt auf den Sensor und seinen Dynamikumfang bedeutet das (noch immer mit dem 6EV-Beispielsensor): Der erste Blendenschritt (der hellste) ist in der Lage, 2048 Tonwerte aufzunehmen! Der 2. nimmt nur noch die Hälfte, also 1024 Tonwerte auf. Der 3. nimmt nur noch 512 Tonwerte auf usw.

Diagramm von Tonwerten und Blendenstufen bei Digitalkameras
http://www.digitalkamera.de/Fototipp/Nach_rechts_belichten_oder_Expose_To_The_Right/9345.aspx

Und daraus folgt Reichmanns Schlussfolgerung, dass die Belichtung möglichst hell sein sollte um möglichst viele Informationen in diesem 1. Blendenschritt (oder zumindest im ersten Drittel der möglichen Blendenstufen) unterzubringen. Eine durchaus logische Schlussfolgerung, werden dort doch offensichtlich die meisten Informationen aufgenommen. Wird ein Bild also nur um 1EV unterbelichtet, können bereits 50% weniger Tonwerte aufgezeichnet werden (theoretisch). Das ganze hat nur eine, logische Einschränkung: Das Motiv muss einen Dynamikumfang aufweisen, der KLEINER als der mögliche Dynamikumfang der Kamera ist. Denn nur dann lässt sich das Histogramm durch eine Überbelichtung noch nach rechts schieben ohne Highlights ausfressen zu lassen. Ein Portrait im krassen Gegenlicht ist daher z.B. KEINE sinnvolle Anwendung für ETTR.

Soweit also zur Theorie, entscheidend ist aber die Praxis. Am Beispiel von Reichmann wird bereits deutlich, dass die Sensortechnologie in den Jahren massive Fortschritte beim Dynamikumfang erzielt hat. Allerdings ist die zugrunde liegende Technologie der CMOS-Sensoren noch immer identlisch, weshalb die grundlegende Theorie von ETTR noch immer Bestand hat. Aus diesem Grund habe ich eine eigene Versuchsreihe angelegt. Es gibt zwar schon diverse Vergleichsbilder im Internet, aber als studierter Sozialwissenschaftler muss ich eine Statistik selber anlegen, bevor ich sie glaube ;-)

ETTR in der Praxis - Ein Vergleichstest

Der Versuchsaufbau ist wie folgt (wobei ich maximale Reproduzierbarkeit angestrebt habe):

  • Kamera ist die Canon EOS 6D, fotografiert wird natürlich RAW
  • Das Motiv wird beleuchtet durch eine 300W Flächenleuchte, die vor Beginn des Tests 10 Minuten warmlaufen durfte
  • Aufnahme vom Stativ mit Fernauslöser und Spiegelvorauslösung
  • Manueller Fokus
  • Manueller Weißabgleich
  • f/8
  • Belichtungsänderung über Veränderung des ISO-Wertes
  • Kontrolle der Überbelichtung per LiveView-Histogramm & Überbelichtungswarnung in der Kamera
  • Rauschreduzierung ist in der Kamera komplett abgeschaltet, ebenso das "Details"-Panel in Lightroom

Bestandteil des Tests soll ein High-ISO-Vergleich und ein Low-ISO-Vergleich sein. Beim High-ISO-Vergleich werde ich das Basisbild mit ISO 3200 machen und dann ein überbelichtetes Bild mit ISO 6400 und dieses dann abdunkeln. Beim Low-ISO-Vergleich mache ich ein Bild mit ISO 50 und ein überbelichtetes Bild mit ISO 100 und dunkle dieses ab. Ich zeige euch zur besseren Vergleichbarkeit immer den gleichen Ausschnitt und immer einen hellen und einen dunklen Bereich und einen Bereich in der Fokusebene und einen Bereich in der Hintergrundunschärfe. Die Ausschnitte sind alle auf 100% Zoomstufe und per Klick vergrößerbar.

Vor dem Test muss noch das Testmotiv erarbeitet werden, da die Szene einen geringeren Dynamikumfang als die Kamera (in diesem Fall die Canon EOS 6D) aufweisen muss. Es darf also bei einer normalen Belichtung keinerlei ausgefressene Lichter oder abgesoffene Schatten geben, was mit dem LiveView-Histogramm leicht überprüft werden kann. Der folgende Versuchsaufbau entspricht diesen Kriterien.

Test-Setup für ein ETTR-Testshooting
Das Test-Setup hat einen vergleichsweise geringen Kontrastumfang
Test-Setup für ein ETTR-Testshooting mit Dauerlicht-Beleuchtung
Das Test-Setup wird mit 300W Dauerlicht beleuchtet


Low-ISO-Vergleich

100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 50
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 50
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 50
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 50
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 100 (+1EV)
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 100 (+1EV)
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 100 (+1EV)
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 100 (+1EV)
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 100, -1EV
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 100, -1EV
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 100, -1EV
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/8 Sek., ISO 100, -1EV


High-ISO-Vergleich

100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 3200
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 3200
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 3200
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 3200
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 6400 (+1EV)
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 6400 (+1EV)
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 6400 (+1EV)
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 6400 (+1EV)
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 6400, -1EV
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 6400, -1EV
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 6400, -1EV
100% Ausschnitt mit f/8.0, 1/800 Sek., ISO 6400, -1EV


Ergebnisse des Tests

Ich muss gestehen, die Ergebnisse haben mich doch überrascht. Aber bevor ich jetzt zu viel Spannung aufbaue, erstmal eine detaillierte Analyse (die aber noch keine Handlungsempfehlung darstellt, den praktischen Nutzen besprechen wir später noch): Fangen wir oben an und schauen uns zuerst die oberste Testreihe genau an. Der Bildausschnitt liegt genau um Fokus (fokussiert wurde manuell auf das linke Auge der Eule). ISO 50 ist an der Canon 6D KEIN nativer ISO-Wert, weshalb ich den Vergleich für besonders sinnvoll halte um zu sehen, ob das "simulierte" ISO 50 durch die Belichtungskorrektur des mittleren Bildes (mit ISO 100) besser aussieht als das ISO 50 direkt aus der Kamera. Und zu meinem Erstaunen tut es das! Zwischen dem 1. und 3. Bild kann ich keinen Unterschied in der Schärfe wahrnehmen, sehr wohl aber einen Unterschied in der Schattenzeichnung. Das korrigierte ISO 100 Bild hat in den Schatten minimal mehr Durchzeichnung als das direkt mit ISO 50 geschossene Bild. Der Unterschied ist wirklich marginal aber er ist sichtbar.

Auch in der 2. Reihe mit dem dunkleren Bildausschnitt im Unschärfe-Bereich bestätigt sich dieser Eindruck. Gefühlt ist der Vorteil des ETTR-Bildes hier geringer als im Fokusbereich aber immer noch sichtbar. Was nicht sichtbar ist, ist ein Vorteil im Rauschverhalten. Dieses ist bei der Canon 6D durch den Vollformat-Sensor ohnehin sehr gut und bei ISO 50 & 100 ist kein sichtbares Bildrauschen zu erkennen. Um hier einen Vor- oder Nachteil der ETTR-Technik zu diagnostizieren, müssen wir uns die High-ISO-Vergleichsbilder ansehen.

Die 3. Reihe zeigt jetzt den fokussierten Bildausschnitt mit hohen ISO-Werten. Und hier kann auch eine Veränderung im Rauschverhalten erkannt werden. Das 1. und 3. Bild unterscheiden sich sowohl im Rauschen als auch in der Schärfe. Das Rauschen im ETTR-Bild wirkt tatsächlich feinkörniger und homogener und damit weniger aufdringlich als im ersten Bild und das obwohl das 3. Bild ja ursprünglich mit ISO 6400 geschossen wurde. Im Vergleich vom 1. und 2. Bild ist bereits erkennbar, dass das Rauschen beim Schritt von ISO 3200 auf 6400 durchaus erkennbar zunimmt. Gleichzeitig nimmt die Bildschärfe im ETTR-Bild aber etwas ab, verglichen mit dem nativ auf ISO 3200 geschossenen Foto. Hier scheint es also eine klassische Tradeoff-Situation zu geben: Mehr Schärfe oder weniger Rauschen, beides zusammen geht nicht! Ich würde aber argumentieren, dass das ETTR-Bild noch sehr gut nachgeschärft werden kann, um die fehlende Schärfe auszugleichen und gleichzeitig das Bildrauschen weiterhin gering zu halten. Auch hier gibt es also einen Vorteil für ETTR, allerdings nicht unbedingt schon direkt aus der Kamera heraus, sondern erst nach einer leichten Nachschärfung des Bildes.

Was ich hier nicht sehen kann ist ein Vorteil in der Schattenzeichnung, so wie es bei den niedrigen ISO-Werten noch der Fall war. Der Kontrast wirkt absolut identisch, sowohl im ISO 3200 Bild als auch im ETTR-Bild. Das mag damit zusammenhängen, dass das Sensorrauschen in den dunklen Bildteilen stärker auftritt und damit die möglichen Vorteile in der Schattenzeichnung überlagert (das ist aber nur eine Vermutung).

Fazit: Solltest du ETTR jetzt einsetzen?

Ich war Anfangs sehr skeptisch was ETTR angeht, muss aber gestehen, mein eigener Test hat meine vorurteilsbehaftete Meinung ein wenig revidiert. Warum nur ein wenig? Das erkläre ich dir gleich.

Meine Testreihe zeigt deutlich, dass ETTR in bestimmten Situationen einen Vorteil für die Bildqualität darstellt. Dennoch ist es wichtig, die Einschränkungen von ETTR zu kennen, damit es auch wirklich richtig eingesetzt werden kann:

  1. Das Motiv muss einen geringeren Dynamikumfang besitzen als die Kamera
  2. Eine Überbelichtung muss technisch möglich sein

Lass mich diese Punkte noch etwas ausführen: Der geringere Dynamikumfang einer Szene kann über das LiveView Histogramm sehr schnell erkannt werden. Das funktioniert aber natürlich nur mit Szenen, in denen das LiveView Histogramm greifen kann. Studioaufnahmen mit Blitzen lassen sich nur nachträglich analysieren, was ETTR hier zu einer recht langsamen Technik macht. Das ist nicht weiter schlimm, sollte bei einem Shooting aber bedacht werden. Und dann gibt es natürlich noch die diversen Situationen, in denen der Dynamikumfang den der Kamera übersteigt (Gegenlicht, starke Kontraste, Häuserschluchten, Sonnenuntergänge usw.). ETTR ist daher wirklich nur für einen eingeschränkten Motivkreis einsetzbar. Ob du ETTR sinnvoll für deine Bilder einsetzen kannst, musst du daher immer erst über das LiveView Histogramm oder über das Histogramm einer Testaufnahme ermitteln. Gleichzeitig führt die Weiterentwicklung der Sensoren dazu, dass ohnehin immer größere Dynamikumfänge abgebildet werden können, dass Einsatzspektrum für ETTR nimmt also tendenziell zu.

Punkt 2 spielt im fotografischen Alltag vielleicht eine noch größere Rolle und ist wahrscheinlich auch mein persönliches Hauptargument gegen ETTR: Ich selber bin häufig in Aufnahmesituationen, in denen ich schlicht nicht heller werden kann. Ein Beispiel dazu von meinem Ausflug zur Zeelandbrücke (kennst du schon mein Video zu Langzeitbelichtungen, was ich vor Ort aufgenommen habe?): Es war an dem Tag derart hell, dass ich Probleme hatte auf eine angemessene Zeit für eine Langzeitbelichtung zu kommen. Angemessen waren 5-6 Minuten Belichtungszeit, da die Wolken sehr langsam zogen und auch das Wasser sehr still war. Für den von mir angestrebten Effekt mussten also min. 5 Minuten Belichtungszeit her. Die meisten Bilder an dem Tag sind mit ISO 50, f/16 und einem 16-Stop ND-Filter entstanden, genauer ND3.0 & ND1.8 übereinander geschraubt. Ich nutze dafür ein 


Schraubfilterset von HAIDA (Affiliate Link). Damit kam ich auf ca. 5:30 Min. (für eine normale Belichtung). Um die Belichtung jetzt um 1EV heller zu machen, hätte ich entweder auf ISO 100 gemusst (was qualitativ zwar ein minimal besseres Ergebnis erzielen könnte, der spannendere Weg ist aber auf dem niedrigsten ISO zu bleiben um ein noch kleineres ISO über ETTR zu simulieren) oder ich hätte die Blende im eine Blendenstufe (auf f/11) reduzieren müssen (was wg. der Tiefenschärfe nicht gewollt war) oder ich hätte die Belichtungszeit verdoppeln müssen (was der eigentlich sinnvollste Weg ist). Eine Verdoppelung hätte aber zu 11 Min. Belichtungszeit geführt, was bei strahlendem Sonnenschein der Kamera derart einheizt, dass ganz neue Probleme (Hotpixel) entstehen würden. Selbst einige Experimente mit 8 Min. Belichtungszeit an diesem Tag brachten bereits deutlich mehr Hotpixel zum Vorschein. Keine der möglichen Optionen für eine Überbelichtung wären hier wirklich optimal gewesen.

Eine andere Situation, in der heller fotografieren oft unmöglich ist, ist z.B. die Konzertfotografie, wo ohnehin mit sehr hohen ISO-Werten und kurzen Verschlusszeiten gearbeitet werden muss, um die Bewegungen auf der Bühne festzuhalten. Dort ist meistens die Blende eh schon so weit auf wie möglich, die Verschlusszeit darf einen bestimmten Wert nicht unterschreiten um die Bewegungen noch scharf einfrieren zu können und eine Verdoppelung des ISO ist ab bestimmten Größenordnungen selbst mit ETTR nicht mehr praktikabel (vom hohen Dynamikumfang solcher Szenen ganz zu schweigen). Hier musst du also selber genau schauen, ob eine Überbelichtung (idealerweise durch die Verschlusszeit oder das ISO) bei deinen Aufnahmen machbar ist.

Für mich selber konnte ich aus diesem Test jetzt ziehen, dass ich ETTR ab jetzt sicherlich häufiger einmal einsetzen werde, gerade in meiner Food Fotografie um noch ein Quäntchen mehr Bildqualität herauszukitzeln. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass ich es für meine Architekturfotografie im Gegenzug wahrscheinlich weiterhin nicht einsetzen werde. Das Level an Nachbearbeitung bei meinen Architekturbildern ist derart hoch, dass minimal vorhandene Unterschiede in der Bildqualität ohnehin während der Bearbeitung verloren gehen und damit keine Rolle mehr spielen. Aber trotzdem: Die Ergebnisse haben mich insgesamt positiv überrascht und ich bin froh mich einmal selbst so detailliert mit dieser Technik auseinandergesetzt zu haben und meine Ergebnisse hier mit euch zu teilen. Bleibt am Ende nur noch die Frage, wer in der Lage ist, diese subtilen Qualitätsunterschiede zu sehen. Ich würde behaupten, alle Prints bis zur Größe von A4 oder sogar A3 werden keinen sichtbaren Unterschied erkennen lassen. Darüber hinaus werden subtile Kontrastunterschiede vielleicht sichtbar, vorausgesetzt der Druck ist überhaupt so fein aufgelöst. Und am Display werden entsprechende Unterschiede auch erst ab 100% Zoomstufe sichtbar. Und außer Bildagenturen und dir selber wird wohl kaum jemand deine Bilder voll aufgelöst zu Gesicht bekommen. Bilder auf sozialen Netzwerke wie Facebook & Co. werden daher nicht von ETTR profitieren, solange du diese Bilder nicht noch gleichzeitig groß ausdrucken lässt oder sie an Bildagenturen weiter gibst.

Und zum Schluss will ich noch darauf hinweisen, dass dieser Test hier natürlich nur für den Sensor der Canon 6D repräsentativ sein kann. Andere Sensoren verhalten sich bei ETTR anders. Aus diesem Grund habe ich den Test so reproduzierbar wie möglich gemacht, damit du im Zweifelsfall selbst einmal eine Testreihe schießen kannst um zu schauen, ob dein Sensor ebenfalls einen Vorteil durch ETTR erlangen kann und in welchen ISO-Bereichen dieser am größten ist.

Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Test einerseits das Thema ETTR näherbringen (wenn du davon bisher noch nichts gehört hattest) oder dir andererseits saubere Testergebnisse präsentieren, mit denen du selber eine fundiertere Entscheidung darüber treffen kannst, ob du ETTR einsetzen willst oder nicht. Schreib mir doch mal in die Kommentare ob du ETTR schon einsetzt und welche Erfahrungen du damit gemacht hast, ich würde mich freuen!

Bis bald, 

 

Tobi



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Kommentare: 3
  • #1

    Everhartz (Sonntag, 07 August 2016 17:43)

    Ein wirklich hervorragender Beitrag zur ETTR-Problematik & der möglichen Anwendung dieses Verfahrens. Auch ich verwende die Technik, seit ich vor einigen Jahren darüber gelesen hatte. Aber ich habe meine "ETTR-Praxis" noch nie so gut mit Hintergrund-Wissen belegt gefunden, wie durch diesen Artikel hier. Dank an Dich, Tobias.
    Bei meinen beiden Canon (erst die alte 5D dann die 50d) kam ich zu damals zu ähnlichen Ergebnissen und hatte mir darum angewöhnt, immer ein wenig nacht rechts zu belichten. Und in den meisten Fällen war das Ergebnis auch sehr zufriedenstellend.
    Seit ich nun vor 8 Monaten auf das System (mft) Panasonic GX8 gewechselt bin (im Wesentlichen aus Gewichtsgründen) , stellt sich das allerdings etwas anders dar. Der Sensor ist ein ganz anderer und damit auch die Praxis bei der Belichtung.
    Bei dem jetzigen Sensor lassen sich die Lichter nicht mehr so einfach, ohne einen (u.a.) Magenta-Stich bei der Absenkung über Lightroom zu riskieren, herunter regeln. Überhaupt scheint mir der Sensor in den Lichtern viel weniger Überbelichtung zu verzeihen. Das spricht für Deine Aussage, dass das Verfahren nicht zuletzt (auch) sensorabhängig ist.
    Bei meiner jetzigen Kamera sind 200 ISO nativ; fotografiere ich ETTR bei 100 ISO, verstärken sich in den Lichtern die Probleme.
    Die Canons waren da erheblich gutmütiger, besonders im Vollformat. Da (zum Vollformat) will ich auch wieder hin zurück, wenn mir Calumet denn endlich eine Sony A7 II verkaufen kann. Aus meinen Erfahrungen heraus, kann ich die in Deinem Beitrag gezogenen Schlüsse verbunden mit Deinen Handlungsempfehlungen vollends bestätigen.

  • #2

    Patrick Schilf (Dienstag, 09 August 2016 14:27)

    Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast :) Ich setze ETTR gelegentlich ein, finde es aber häufig für die Situation unpraktikabel und hatte mich ebenfalls gefragt, wieviel die Methode in der Praxis tatsächlich bringt.

    Die Änderungen in Schärfe und Belichtung rechne ich mal den üblichen Schwankungen der Kameraparameter zu, die z.B. bei Zeitrafferaufnahmen zum Flicker Effekt führen.

    Interessant fänd ich, den Test mit konstanten ISO Werten, aber variierenden Verschlusszeiten zu wiederholen, so dass Bildrauschen nicht erst verstärkt wird, bevor die Nachbearbeitung es neutralisiert. Meine Vermutung wäre, dass dabei der Vorteil der Technik deutlich sichtbarer wird.

  • #3

    Patrick Schilf (Dienstag, 09 August 2016 14:34)

    Ups, den Schluss hab ich wohl nicht mehr aufmerksam genug gelesen, dort schlägst du selbst vor, die Belichtungszeit zu verdoppeln. Also nichts für ungut!