Traumhafte Fotos, nicht! - Ein Plädoyer gegen die weiße Traum-Vignette

Was ist eigentlich eine Vignette?

Vignette ist die Bezeichnung für eine Randverzierung. Der Ursprung des Wortes kommt aus dem Weinanbau, wo es sowohl die Bezeichnung der Rebsorte am Rand eines Weinberges als auch das Etikett auf der Weinflasche selbst bezeichnet. Mittlerweile hat sich das Wort für Siegel oder Aufkleber eingebürgert.

In der Fotografie bezeichnet eine Vignette eine Maske, die nur einen Ausschnitt eines Fotos freigibt und somit sichtbar lässt. Andere Bildteile werden verdeckt (vgl. Wikipedia-Artikel Vignette).

Klassischerweise wird diese Verdeckung in Form von schwarzen Masken oder Ausschnitten vorgenommen, was noch aus der Analogfotografie bekannt ist. Die dort bei der Vignettierungstechnik abgedeckten Bildbereiche wurden dunkler und haben nur noch den Blick auf einen Teil des Fotos übrig gelassen. Die Form einer Vignette ist dabei nebensächlich, sie kann erst einmal jede Form annehmen.

Bild einer schwarzen Vignette aus der Bildbearbeitung von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Mittlerweile hat sich unter dem Begriff Vignette eine fotografische Nachbearbeitungstechnik eingebürgert, bei der die Bildränder abgedunkelt werden und somit eine annähernd kreisförmige Fokussierung des Bildes auf die Bildmitte stattfindet.

Diese bisherige Beschreibung einer Vignette ist wichtig um zu verstehen, was eine Vignette eigentlich bewirken soll: Eine Vignette soll den Blick auf Ausschnitte des Bildes freigeben und andere Elemente des Bildes verstecken oder zumindest soweit abdunkeln, dass sie für den Betrachter nicht mehr im Vordergrund stehen. Eine Vignette muss auch nicht kreisförmig oder oval sein, wenngleich diese Form sicherlich die am häufigsten anzutreffende ist und auch in Bildbearbeitungsprogramme wie Adobe Lightroom erst einmal immer von einer runden oder ovalen Vignette ausgegangen wird.

Gerade diese Regler in Programmen wie Lightroom erlauben es aber auch, die Randverdunkelung in eine Randaufhellung umzuwandeln! Das bedeutet, die Bildränder werden nicht dunkler im Vergleich zum restlichen Bild, sondern heller! Der fatale Umkehrschluss ist jetzt, dass diese Art der Bildrandbearbeitung ein gewollter Effekt auf einem Bild sein könnte. Das ist nicht der Fall!

Warum lassen sich Vignetten in der Nachbearbeitung verändern?

Der Sinn hinter den Bearbeitungsmodi für Vignetten ist nicht der, dass dem Bild eine zusätzliche Vignette hinzugefügt wird. Der ursprüngliche Grund für diese Bearbeitungsmodi war das Ausgleichen einer natürlichen Vignette, die bei verschiedenen Objektiven unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Vor allem Weitwinkelobjektive und sehr lichtstarke Objektive besitzen eine ausgeprägte, natürliche Vignette. Diese wird mit zunehmend kleinerer Blendenöffnung immer geringer. Um diese Vignette ausgleichen zu können, gibt es den Bearbeitungsmodus für Vignetten. Weißt das Objektiv eine starke Randabdunkelung auf, kann dieser durch eine Randaufhellung entgegen gewirkt werden. Ist der Bildrand hingegen deutlich heller, beispielsweise durch den Einsatz eines Polfilters an einem starken Weitwinkelobjektiv, kann der Rand in der Nachbearbeitung abgedunkelt werden, um diesen Effekt wieder auszugleichen. 

Bild mit natürlicher, heller Vignette durch Einsatz eines Polfilters am Weitwinkel von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Bild mit natürlicher, heller Vignette durch Einsatz eines Polfilters am Weitwinkel.
Bild mit natürlicher, dunkler Vignette durch Offenblende am Weitwinkel von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Bild mit natürlicher, dunkler Vignette durch Offenblende & ND-FIlter am Weitwinkel.

Die Vignette als künstlerischer Effekt

Natürlich hat es sich durch die Möglichkeiten in der Nachbearbeitung mittlerweile etabliert, dass die Vignette auch als künstlerischer und kompositorischer Effekt in der Nachbearbeitung eingesetzt wird. Das finde ich auch völlig legitim. Ich nutze selber sehr gerne Randabdunkelungen, um meine Bilder stärker zu fokussieren und den Blick des Betrachters etwas besser zu lenken. Ich sage aber bewusst Randabdunkelungen, weil ich nur die Abdunkelung für sinnvoll halte.

Hierzu ist es wichtig, sich 2 kompositorische Grundregeln wieder ins Gedächtnis zu rufen:

  1. Je heller ein Bildelement ist, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt es (hohe Kontraste wirken anziehend)
  2. Je dunkler ein Bildelement ist, desto weniger Aufmerksamkeit bekommt es

Das mag auf den ersten Blick trivial wirken, ist aber entscheidend beim Einsatz einer Vignette in der Bildbearbeitung. Hierzu habe ich jetzt einmal mehrere Beispielbilder für euch, um zu verdeutlichen, warum eine weiße Vignette keine gute Idee ist:


Keine Vignette

Marco Polo Tower in Hamburg von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Adobe Lightroom Einstellungen zur Vignette von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Dem Bild wurde keine nachträgliche Vignette hinzugefügt. Die Komposition & Linienführung sorgen dafür, dass der Blick des Betrachters früher oder später auf dem Marco Polo Tower hängen bleibt. Die hellen Bereiche im Himmel wirken jedoch ablenkend.

Dunkle Vignette

Marco Polo Tower in Hamburg von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Adobe Lightroom Einstellungen zur Vignette von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Dem Bild wurde eine leichte, dunkle Vignette hinzugefügt. Diese dunkelt die hellen Stellen im Himmel ab und sorgt damit für weniger Ablenkung rund um den Marco Polo Tower. Der Blick des Betrachters wird nicht mehr so leicht abgelenkt und folgt besser der intendierten Komposition.

Helle Vignette

Marco Polo Tower in Hamburg von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Adobe Lightroom Einstellungen zur Vignette von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Diesem Bild wurde eine leichte, weiße Vignette hinzugefügt. Da helle Bildelemente mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als dunkle Elemente, verweilt der Betrachter zuerst in den unteren Bildecken, obwohl dort nichts bildwichtiges geschieht. Es wurde ein zusätzliches, störendes Element im Bild erschaffen. Ferner werden die Hellen Bereiche im Himmel betont und wirken somit ebenfalls noch ablenkender als vorher.



Jetzt magst du vielleicht denken: "OK, bei Architektur lasse ich mir das noch gefallen, aber was ich bei Portraits?"
Da ich selber keine Portraits fotografiere, zeige ich dir hier das Ganze noch einmal am Beispiel von Katzenportraits der Maine Coon Dame Miya.

Keine Vignette

Maine Coon Katze vor dunklem Hintergrund von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Adobe Lightroom Einstellungen zur Vignette von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Ohne Vignette weist das Bild am rechten Rand noch einen hellen Bereich auf, der einem schlecht eingestellten Blitz geschuldet ist. Diese helle Bereich steht in Konkurrenz zur hellen Katze, die eindeutig der Bildmittelpunkt ist.

Dunkle Vignette

Maine Coon Katze vor dunklem Hintergrund von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Adobe Lightroom Einstellungen zur Vignette von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Die dunkle Vignette reduziert den Lichtschein am rechten Bildrand und fokussiert das gesamte Bild noch einmal stärker auf die Katzendame Miya. Es gibt keine Ablenkungspunkte mehr, die den Blick von der Katze wegziehen könnten.

Helle Vignette

Maine Coon Katze vor dunklem Hintergrund von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Adobe Lightroom Einstellungen zur Vignette von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Die weiße Vignette in diesem Bild sorgt dafür, dass ich mit dem Auge unwillkürlich die Bildränder abfahre. Denn: Helle Bereiche ziehen Aufmerksamkeit! Dabei passiert am Bildrand nichts. Der gesamte Bildinhalt ist absolut eindeutig in der Bildmitte positioniert.



Der Effekt ist sehr ähnlich, egal welches Bild man heranzieht. Du kannst dich jetzt noch fragen: "OK, aber was ist mit einem Bild, was vor weißem Hintergrund fotografiert wurde?"
Ja, was wäre damit? Alle Bildränder sind ohnehin schon weiß, wozu sollte man also hier dann noch eine weiße Vignette einsetzen? Ergibt keinen Sinn.

Für mich dient eine helle Vignette damit ausschließlich dem Ausgleichen einer eventuell störenden, dunklen Vignette eines Objektivs. Sie sollte meiner Meinung nach aber nicht als Bildbearbeitungselement herangezogen werden, da sie in allen mir bekannten Fällen vom eigentlichen Bildinhalt ablenkt und den Betrachter dazu bringt, sich vollkommen uninteressante Bildbereiche anzuschauen. Das frustriert den Betrachter und verkauft ihn auch unbewusst ein wenig für dumm. Denn das Bild suggeriert: "Hier, schau auf meine Ränder, da ist es hell und interessant!" und tatsächlich sind die Ränder zwar hell, aber eben nicht interessant. 

Ich hoffe dir mit diesem Plädoyer gegen die weiße Vignette ein wenig die Augen geöffnet zu haben. Gerade in der Hochzeits- oder Babyfotografie sehe ich diese Art der Bearbeitung immer wieder und es macht mich traurig, dass die Kunden dort mit diesen Bildern bildsprachlich für dumm verkauft werden. Das hat kein Fotograf nötig und erst recht kein Kunde.

Generell ist eine dunkle Vignette aber eine tolle Möglichkeit, seinen Bildern den letzten Schliff zu geben. Neben den gezeigten Optionen in Lightroom bin ich dazu übergegangen, meine Vignetten in Photoshop zu erzeugen, mit einer Technik, die mir die volle Kontrolle über die Helligkeiten am Rand und in der Bildmitte lässt. Schau dir diese Technik am besten direkt einmal an, damit erstellst du die besten Vignetten.


Ich freue mich auf deine Kommentare und deine Meinung zu diesem Thema. Vielleicht hast du ja auch ein Bild, bei dem eine weiße Vignette das Bild total aufwertet! Zeig es mir gerne einmal, ich bin sehr gespannt!

Bis demnächst,

 

Tobi



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Kommentare: 4
  • #1

    Eike Wilhelm Reinhardt (Dienstag, 01 August 2017 11:07)

    Moin,
    und vielen Dank für diesen Block. Ich finde die weiße Vignette, so wie du auch, ziemlich überflüssig.
    Ganz Schlimm finde ich sie, wenn sie in der Babyfotografie benutzt wird, und dazu das Baby in der Bildmitte auch mit einem Weichzeichnungsfilter bearbeitet wird.
    Wenn ich dann höre, das es ja aussehen würde wie ein Traum, bekomme ich Krämpfe im Magen.
    Manchmal glaube ich das man so einfach unscharfe Bilder vertuschen möchte.

    Mach weiter so mit deinen Blocks.

  • #2

    Maik (Dienstag, 01 August 2017 13:59)

    also ich finde das die weisse nicht abgeschaft werden soll.
    natürlich bei denen beispielbildern ist sie unpassend da geb ich dir recht
    aber ich selber mache bilder gern auf alt und für diesen antikstiel ist die weisse angebrachter als eine schwarze, insbesondere wenn man dazu noch die weiche kannte auf 20-30 senkt um diesen ovalen effekt des bildes zu bekommen

  • #3

    Sascha (Dienstag, 01 August 2017 15:30)

    Also ich finde bei der Katze mit der hellen Vignette kommt es ein bisdchen 3D mäßig rüber ! Icj find es sieht ein bisschen so aus als ob die Katze vor dem Bild sitzt ! Aber ist ja zum Glück alles Geschmackssache ;-)

  • #4

    Kerstin (Dienstag, 29 August 2017 18:45)

    Hallo, tolle, nachvollziehbare Erklärung. Meine Frage? bin Anfängerin bei Lr+PS. Kann man sich so eine Vignette als Muster abspeichern, oder muss ich alle Schritte für jedes neue Bild auch neu erstellen?