Sozialverhalten unter Fotografen - Case Study beim Scandic Food Blogger Contest

Lachs in Nori Blättern von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Kürbis Carpaccio von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

DIe meisten von euch werden es sicher schon mitbekommen haben, dass ich mitte letzter Woche in Hamburg zum Scandic Food Blogger Contest war. Die Scandic Hotelkette hat dabei einen Food Fotografie Contest ausgerufen, der am Ende mit einem Jahresvertrag als Food Fotograf für die beiden deutschen Hotels in Berlin und Hamburg prämiert wird. Und nach der Vorauswahl kam es dann zum "Probe-Shooting", entweder in Berlin oder in Hamburg.

Da ich erst ein paar Wochen früher wegen des letzten Fine Art Architektur Workshops in Berlin war, habe ich mich dann einfach für Hamburg entschieden. Die An- und Abfahrt wurde dabei von den Scandic Hotels getragen.

Es gab insgesamt 10 Finalisten, die sich selber aussuchen konnten, ob sie nach Berlin oder München kommen wollten. Da das Scandic Hotel Berlin von deren Termin (der eine Woche früher stattfand) schon die ersten Bilder gepostet hatte, war zu sehen, dass 5 Teilnehmer dort waren. In Hamburg würden es also auch maximal 5 Teilnehmer werden. Es waren am Ende nur 4.

Worauf ich aber eigentlich, nach dieser langen Einleitung, hinaus will, ist Folgendes: Dieser "Contest", war eine der erfreulichsten Begegnungen mit anderen Fotografen die ich je hatte! Ich spreche da auch im morgigen VLOG noch einmal drüber, schaut da also auch nochmal rein (da gibt es dann auch eine Menge Behind-the-Scenes Eindrücke von dem Contest, ich durfte nämlich auch die ganze Zeit filmen).

Wir haben ja, gerade durch Facebook-Gruppen oder andere Foren und "Communities" ein doch eher zwiespältiges Bild von der Fotografengemeinschaft als solche (zumindest hat sich das bei mir so entwickelt). In den Gruppen wird über Unsinn diskutiert, ausufernd und beleidigend gegen einzelne User vorgegangen usw. 
Man könnte meinen, dass Fotografen untereinander keine andere Möglichkeit sehen sich zu profilieren als durch das Niedermachen "schlechterer" Fotografen. Sicher ist das jetzt stark pauschalisierend, ihr wisst aber sicher alle, was ich meine. Jeder hat so eine Diskussion doch schon einmal miterlebt.

Gourmet Burger von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Und deshalb hatte ich auch ein wenig damit gerechnet, dass es in Hamburg so sein würde, dass jeder sein Ding macht, die anderen nicht beachtet und generell während des Shootings wahrscheinlich nicht viel geredet wird. Und genau das Gegenteil war der Fall:
Wir 4 Teilnehmer (an dieser Stelle noch einmal einen schönen Gruß an euch alle!) haben die ganze Zeit gut gequatscht und es war auch überhaupt kein Problem, wenn man sich an den Ideen der anderen orientiert hat oder z.B. auch Props geteilt hat.
Ich hatte selber eine ganze Menge eigener Props dabei, da ich nicht wusste, was wir im Restaurant alles benutzen durften. Es stellte sich dann heraus, dass für das Shooting das gesamte Restaurant geräumt wurde und wir einfach alles was wir finden konnten auch für unsere Bilder benutzen durften. Und da gab es auch solche kleinen Weinkisten aus Holz, die ich bei diesem Bild hier im Hintergrund eingesetzt habe. Diese Kiste habe ich zuerst bei einem der anderen Teilnehmer gesehen. Und dann fragt man einfach: "Hey, wo hast du denn die geile Kiste her?"
"Die stehen dahinten, sind noch welche da, nimm dir einfach!"
Ohne sich etwas dabei zu denken, ohne zu versuchen, "seine" Bildidee zu schützen oder zu verhindern, dass Andere auch nur annähernd ein ähnliches Bild erstellen könnten.

Genauso habe ich mir für das erste Bild (ganz oben links in diesem Beitrag) Stäbchen besorgen lassen von den Organisatoren. Als eine der anderen Teilnehmerinnen diese bei mir gesehen hat, hat sie auch einfach gefragt: "Hey, wenn du mit den Stäbchen fertig bist, kann ich die kurz haben?" Und meine Antwort war natürlich: "Ja, sicher!"
Die Gerichte wurden natürlich auch gegessen. Der Ablauf war so, dass wir pro Gericht 20 Min. Zeit hatten unsere Bilder zu machen. Wenn wir schneller waren, haben wir uns einfach gemütlich an einen Tisch gesetzt und die tollen Gerichte einfach mal probiert. Und das führte dann auch dazu, dass wir mal zu zweit oder zu dritt einfach nur da saßen und gegessen und gequatscht haben, obwohl wir uns gerade mitten in einem "Wettbewerb" befanden, bei dem man eigentlich als Konkurrenten gegeneinander antritt.

Es gab zu keinem Moment das Gefühl, dass man sich gegenseitig etwas nicht gönnen würde oder das man versucht, sich von den anderen abzuschirmen und seine Ideen und Bilder zu schützen. So viel auch zum immer wieder leidigen Thema "Kopieren" ;-)

Und jetzt kommt meine These dazu (und ja, diese generalisiert stark und ja, dass ist mir bewusst): Ich glaube, dass ist ein Generationenkonflikt in der Fotografie bzw. unter den Fotografen. Die gesamte Gruppe dort, sowohl wir Teilnehmer als auch das Team des Scandic Hotels, sogar das Küchen-Team, alle waren in etwa eine Generation. Wenn sich insgesamt 10 Jahre zwischen dem Jüngsten und dem Ältesten aufgetan haben, dann war das viel. Und hier sehe ich das Konfliktpotenzial bei Themen wie Neid, Missgunst, Kopieren, Abschauen oder wie auch immer man es umschreiben möchte. Diese, unsere Generation hat ein grundlegend anderes Verständnis von Eigentum, von Urheberrechten, von "Besitz" im weitesten Sinn. 
Für uns ist klar, dass ein Bild im Internet geklaut, kopiert und urheberrechtsverletzend genutzt werden könnte. Aber weißt du was: It doesn't matter! 
Ähnliches habe ich ja auch in früheren Blogbeiträgen schon immer wieder geschrieben, dass ich z.B. meine Workshopteilnehmer auch aktiv dazu anhalte, mich, meinen Stil und meine Bildideen zu kopieren.

Lachs mit Borretschsalat von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Und nochmal: Ja, ich weiß dass das furchtbar generalisierend ist, dass ist jede These am Anfang aber ;-) Dafür lässt sie sich über die Zeit ja verfeinern, also fühlt euch bitte nicht sofort angegriffen. Dass ist nur meine Beobachtung und der Schluss, den ich aus dieser absolut nicht repräsentativen Stichprobe gezogen habe. Ich möchte aber diese Idee dennoch mit euch teilen um zu sehen, ob ihr vielleicht schon einmal einen ähnlichen Gedanken hattet oder ob ihr eine andere Erklärung für diese ständige Missgunst unter Fotografen habt.

Mich hat jedenfalls dieser Wettbewerb und die Erfahrungen dort wieder etwas Positiver gestimmt und es hat mich unheimlich gefreut zu sehen, wie alle dort miteinander umgegangen sind. Und nicht zuletzt ist das einer der Gründe, warum ich mich für die Selbstständigkeit entschieden habe. Um solche Erlebnisse zu fördern und von anderen Erlebnissen, die genau das beschreiben, was ich ja zu Anfang befürchtet hatte, vermeiden zu können. Denn diese Freiheit habe ich als Selbstständiger glücklicherweise und das ist sicherlich ein großer Motivator, um das selbstständige Arbeiten auch weiter zu verinnerlichen und damit glücklich werden zu können. Denn wenn in einem Unternehmenskontext einmal so eine Neid- oder Missgunstsituation auftaucht, dann kann man sich dieser nicht ganz so leicht entziehen. Das ist aber natürlich auch nur ein einzelner, kleiner Aspekt.

Die Bilder in diesem Artikel sind übrigens meine finalen Bilder, die ich zur Auswertung eingesendet habe. Ein Ergebnis weiß ich noch nicht, zum Zeitpunkt dieses Blogbeitrages kann ich also noch nicht sagen ob ich gewonnen habe oder nicht. Nach der Erfahrung vor Ort muss ich aber auch sagen: Ich würde es jedem meiner Kollegen dort wirklich gönnen, ihr habt alle eine klasse Arbeit gemacht!

Aber jetzt noch einmal zurück zu meiner These: Wie siehst du das? Hast du auch schon einmal so eine unschöne Situation unter Fotografen erlebt? Und worauf führst du diese zurück? Schreib es mir in die Kommentare!

Bis nächste Woche,

 

Tobi



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Kommentare: 6
  • #1

    Lars Döbler (Sonntag, 16 Oktober 2016 11:18)

    Bei persönlichen Treffen von Fotografen auf Sharings oder anderen Events gab es bei mir noch nie Neid oder Missgunst. Im Gegenteil da wurde immer geholfen oder man übernahm die Idee von "Kollegen". Kein böses Wort sondern immer ein miteinander. Din Netz sieht das vielfach, so wie du schreibst anders aus. Hinterm Monitor versteckt haben die Leute keinen Anstand mehr und spielen sich als die großen auf. Gibt es übrigens auch bei Bloggern.
    Schönen Sonntag noch , gutes Licht für tolle Bilder

  • #2

    Max Kurz (Sonntag, 16 Oktober 2016 12:52)

    Ich Fotografiere sehr Viel Handball. Meine Erfahrung in den Hallen war immer sehr gut auch mit Deutlich Älteren Fotografen (Ich bin erst 18). Man hat sich immer gut über erfahrungen, Bildideen usw. Ausgetauscht. Ich denke das in den Foren auch viel über die Annonymität geschieht bzw dadurch das man mit dem Anderen Auge in Auge ist.

  • #3

    Isa G. Ehrmann (Sonntag, 16 Oktober 2016 21:02)

    Mir sind Mißgunst und Neid immer nur im "anonymen" Web passiert, nie im realen Leben. Wenn man sich mit anderen Fotografen trifft, hat man doch immer was zum Austauschen und ist froh über jeden Tipp oder jede Erfahrung, die man teilen kann. Sogenannte Fotografen, die es nötig haben sich über die Fehler der Anderen zu profilieren, kann ich nicht ernst nehmen.

  • #4

    Jessica Dumrauf (Montag, 17 Oktober 2016 16:51)

    Auch ich habe Neid bisher nur im Internet erlebt. Dieses Jahr nahm ich an einem privaten Makrotreffen teil und es war einfach nur genial! Man kannte sich bereits aus dem Internet. In der Realität waren die Leute genauso wie ich sie mir vorgestellt habe und auch noch mega hilfsbereit. Man durfte Linsen testen, bekam einen Crashkurs bei der Nutzung der Raynox, erkundete gemeinsam Spots, tauschte sich über Tierarten aus. Es hat sich mehr als gelohnt, denn diese Truppe hat einfach zusammengehalten und kooperiert. Man gönnte sich die Erfolge und Funde und hatte jede Menge Spaß dabei :)

  • #5

    Mad (Sonntag, 20 November 2016 14:17)

    Jaja der Neid und das zerrissen werden im Internet ist immer schön, mittlerweile gönne ich mir ja schon so einiges und stelle extra schlechte Bilder auf FB, damit die Meute was zu fressen hat und sich aufregen kann denn solange sie abgelenkt und können das nicht zerreißen, was man sonst noch postet.
    Wir haben hier zwar keinen Club aber ein unregelmäßiges Treffen mit 4,5 oder mehr Hobbyknipsern, jeder hat einen anderen Wissensstand und jeder geht auch anders an das gleiche Thema und wir machen uns sogar manchmal den Spaß, das gleiche Motiv so identisch wie möglich abzulichten.
    Aber um auf das eigentliche Thema zu kommen, ich habe bisher Neid und Missgunst nur auf FB und Co kennen gelernt, selbst in meinem eigenen Blog kommt konstruktives anstatt gemecker und das ist das was für mich das wichtige ausmacht. Virtuell ist nur gelaber im Reallive sind viele weitere Faktoren wo man sich nicht verstecken kann und zu seiner Meinung stehen muss.

  • #6

    Klaus Kartoffelpuffer (Sonntag, 22 Januar 2017 13:22)

    Das ist schön zu lesen, dass ihr so gut miteinander auskommt. Ihr seid jung, habt viel Energie und bestimmt noch keine Familie. Es kommt der Tag, wo ihr merkt das 24 Stunden "Arbeit"- denn wir lieben ja was wir tun - nicht ausreichen, um euch zu ernähren und zu finanzieren was ihr braucht. Weil namenhafte Firmen mit Werbebudget und Redaktionen junge Leute ausnutzen mit kostenlosen Contests und immer geringeren Löhnen. Weiterhin viel Spass in der Spirale nach unten.