HDR ist genauso schlimm wie Color-Key! Echt jetzt?

Stadtansicht zum Sonnenuntergang von Barcelona, Spanien, geschossen vom Hausberg Montjuic von Tobias Gawrisch  (Xplor Creativity)

Diesen Artikel habe ich schon eine ganze Weile im Kopf. Ich will euch hiermit einmal dazu ermutigen, HDR (übrigens genauso wie Color-Key) nicht gleich als eine "Phase" oder unnütze, weil immer künstlich aussehende, Technik abzuwerten. Denn HDR (genauso wie Color-Key) ist eine äußerst vielseitige Technik, die die Limitierungen der Kamera überwinden und zu wesentlich "echteren" Ergebnissen führen kann, als es die Kamera in nur einem einzigen Bild jemals könnte.

Das Bild, was du oben siehst, habe ich vor ein paar Tagen schon auf meiner Facebook-Seite gezeigt und dazu, wie erwartet, sehr ambivalentes Feedback bekommen. Von "cool" über "unnötig" bis "völliger quatsch" war so ziemlich alles dabei. Denn wie auch mit Color-Keys sind HDRs dafür prädestiniert, mit vielen anderen Fotografen und Bildbetrachtern anzuecken.

Falls du meinen Artikel über die Stärken von Color-Key Bearbeitungen noch nicht kennst, solltest du dir den ebenfalls einmal durchlesen. Ich bin mir sicher, damit deinen Horizont etwas erweitern zu können, denn ich halte Color-Keys für eine der mächtigsten Bearbeitungstechniken überhaupt, wenn sie denn bewusst eingesetzt wird.

Ich möchte in diesem Artikel nicht darauf eingehen, was ein HDR eigentlich ist oder wie es gemacht wird. Darüber steht schon unüberschaubar viel auf anderen Websites und Blogs. Ich möchte auch nicht (und damit beziehe ich mich ganz konkret auf einige der Kommentare unter einem Post auf meiner Facebook-Seite) darüber reden, welche Bezeichnung und Abkürzung wann die richtige oder falsche ist. Das spielt alles keine Rolle für die eigentliche Frage: Wann ist ein HDR sinnvoll und wie kann der Effekt sinnvoll genutzt werden, der bei einem HDR samt Tonemapping entsteht?

Wozu überhaupt ein HDR?

Ein HDR (High Dynamic Range) Bild wird immer dann benötigt, wenn in einem Bild ein Dynamikumfang abgebildet werden soll, den die Kamera nicht mehr in der Lage ist in nur einem Bild selbst abzubilden. Punkt. Es gibt (abgesehen von der Effekthascherei) keinen anderen Grund, ein HDR zusammenzusetzen. Das Ziel ist es dabei, den Dynamikumfang einer Szene in einem Bild darzustellen, obwohl die Kamera selbst nicht dazu in der Lage ist. Erreicht wird das Ganze über eine Belichtungsreihe, bei der die verschiedenen Bilder jeweils verschiedene Bereiche im Bild korrekt belichten. Das fertige Bild besteht dann idealerweise nur aus korrekt belichteten Elementen, die in einem Single Shot der Kamera evtl. zu dunkel oder zu hell gewesen wären.

Das Bild am Anfang dieses Artikels ist ein HDR, genauso wie das folgende Bild (ja, wirklich, mit Tonemapping und allem), zusammengesetzt aus 9 Belichtungen mit jeweils 0.7EV (Bild oben) bzw. 1EV (Bild unten) Abstand. Aber ist es auf den ersten Blick als HDR zu erkennen? Hat es den so "typischen" Look eines HDR? Ich denke nicht. Aber warum nicht, was ist der Unterschied?

Straßencafe in Amsterdam von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

Wenn wir einmal vergleichen, was unser Auge so sieht und was die Kamera so sieht, dann fällt sehr schnell auf, dass unser Auge in der Lage ist, einen wesentlich höheren Dynamikumfang als eine Kamera abzubilden und unserem Gehirn zugänglich zu machen. Und das ist für mich ein ganz großer Faktor, warum ein HDR per se überhaupt nicht künstlich oder übertrieben sein muss: Weil es in der Lage ist, endlich das abzubilden, was unser Auge ohne Kamera bereits erfassen kann.

Und dieser natürliche Look kann natürlich auch mit jeder HDR Software oder der mittlerweile eingebauten HDR Funktion in Lightroom erzielt werden. Und ab dieser Stelle wird es jetzt wichtig zu erkennen, was denn für den "typischen" übertriebenen HDR Look überhaupt verantwortlich ist: Licht & Schatten!
Denn auch wenn genau dieser Punkt ja eigentlich die Ausgangslage für ein HDR ist (eben die korrekte Belichtung von Schatten- & Highlightpartien) so muss für ein realistisches Ergebnis das Verhältnis von Licht & Schatten gewahrt bleiben.

Natürlich ist das auch ein Lernprozess und gerade am Anfang fasziniert der Effekt eines stark übertriebenen HDRs, weil dort auf einmal Details und Strukturen an Stellen sichtbar werden, wo man sie auf der Einzelbelichtung nie vermutet hätte. Ein weiterer, wichtiger Punkt ist die Sättigung, wobei diese in der Regel aber nur ein Nebeneffekt der Belichtung ist. Denn: Sehr helle oder sehr dunkle Bildpartien sind von Natur aus weniger gesättigt bzw. die Farbsättigung ist schlicht nicht so prägnant durch die fehlende Luminanz. Wird die Belichtung aber jetzt in allen Teilen auf einen Mittelwert angeglichen, erhöht sich auch automatisch die Farbsättigung. Das führt zu den "typischen" übertriebenen, poppigen Looks vieler HDRs. Die nächsten beiden Bilder sind solche Beispiele, an denen wir schön die Unterschiede zwischen den ersten beiden Bildern dieses Beitrags herausarbeiten können.

Was lässt ein HDR manchmal so übertrieben wirken?

Schaufelradbagger auf Ferropolis bei Dessau von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)
Schaufelradbagger auf Ferropolis bei Dessau von Tobias Gawrisch (Xplor Creativity)

An diesen beiden Negativbeispielen ist klar zu erkennen, dass das ursprüngliche Verhältnis von Licht und Schatten nicht mehr stimmt. Vor allem auf offensichtlich glatten Flächen finden sich hier verschiedene Licht-/Schattenverläufe, die hier Unebenheiten suggerieren, die nicht vorhanden waren. Und genau das erzeugt bei uns diesen Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmt. Bei fast allen Bildern, bei denen wir diesen Eindruck haben, lässt dieser sich auf eine physikalisch nicht erklärbare Setzung von Licht & Schatten zurückführen. Dieser "Effekt" hat in den verschiedenen HDR Programmen unterschiedliche Namen. Und hier kommt der Vorteil der eingebauten HDR Funktion von Lightroom zum Tragen: Du hast in Lightroom mit einem HDR nicht mehr und nicht weniger Funktionen wie die ohnehin von Lightroom zur Verfügung gestellten Regler. Es gibt keine "Effekte" oder "Filter", die du noch anwenden könntest. Und das sorgt dafür, dass du gerade am Anfang wesentlich realistischere HDRs erzeugen wirst, als mit spezieller Software für HDRs. Denn diese lädt natürlich zum Experimentieren und Übertreiben ein. Aber das kann und sollte niemals der Grund für ein HDR sein. Denn dieser "Effekt" lässt sich auch auf jedes andere Bild anwenden. Dadurch muss aber nicht zwingend der eigentliche Hintergrund, nämlich die Komprimierung von Dynamiken im Bild, auch einhergehen.

Bei genauerer Betrachtung gerade der letzten beiden Bilder fällt etwas weiteres auf: Die Reduzierung der Dynamik bzw. die Kompression von Dynamiken war hier überhaupt nicht nötig. Sicher, einzelne, kleine Stellen der Schaufelradbagger liegen natürlich in tiefen Schatten und einzelne Bereiche im Himmel sind extrem hell. Der überwiegende Teil der Szene ist jedoch nicht durch einen extremen Dynamikumfang gekennzeichnet. Um die einzelnen Bereiche doch noch in der Belichtung anzugleichen, hätte hier besser auch Techniken wie Exposure Blending per Luminanzmasken o.ä. zurückgegriffen werden können (eben um nur einzelne, kleine Bereiche anzugleichen, nicht aber die gesamte Szene). Und auch dieser Umstand lässt das HDR ungewollt künstlich wirken. Weil eine Dynamikkompression stattfand, die nicht hätte stattfinden müssen um die Dynamik der Szene vollständig abzubilden.

Wann brauche ich denn dann ein HDR?

Das 2. Bild in diesem Blogbeitrag ist dagegen das Paradebeispiel für eine Szene, in der ein HDR benötigt wird: Man selbst steht im Schatten, in einem Gang oder Innenraum, und fotografiert ins Helle hinein, nach draußen (oder eben wie hier in eine helle Gasse). Und das eigene Auge ist da eine verlässliche Hilfe um zu entscheiden, ob ein HDR hier angebracht wäre oder nicht. In der Situation vor Ort, in dieser Gasse, war es selbst für das Auge schon schwierig, alle Details in der hellen Gasse wahrzunehmen, solange man sich selber noch in der relativen Dunkelheit der Schatten befand (anders herum wäre es übrigens der gleiche Effekt gewesen). Und wenn dein eigenes Auge die Dynamik einer Szene schon nicht mehr vollkommen abbilden kann, dann kann es deine Kamera erst recht nicht!

Deshalb ist es so wichtig, wenn du dich mehr mit dem bewussten Sehen beschäftigst. Bewusst die Lichtverhältnisse, Lichtrichtungen und Kontrastumfänge in deiner Umgebung wahrnehmen und einzuordnen versuchen. Dann kannst du auch problemlos entscheiden, ob für eine Szene die Technik des HDR nötig wäre oder nicht. Und wenn sie nötig wäre, dann hast du auch alle nötigen Informationen über Lichtrichtungen und das Verhältnis von Licht & Schatten, um dein HDR danach sehr realistisch und nicht künstlich-übertrieben wirken zu lassen. 
Denn vergiss nicht: Ein natürlich wirkendes HDR wirkt gerade deshalb so natürlich, weil es im Nachhinein das abbildet, was unser Auge ohne die Kamera schon immer gesehen hat. Das macht HDR zu einer so mächtigen und auch zu unrecht gescholtenen Technik. Denn ein gut gemachtes HDR ist im wahrsten Sinne des Wortes die "reine" Fotografie, denn erst das HDR ist in der Lage die Wirklichkeit wirklich so abzubilden, wie wir sie mit unseren eigenen Augen wahrnehmen.

Ich hoffe jetzt, dass dieser Artikel auch dir ein wenig die Augen öffnen konnte und du entweder jetzt HDR ein wenig offener gegenüber stehst oder aber jetzt versuchst, selber ein besseres HDR zu erstellen, indem du die ursprünglichen Lichtverhältnisse nicht außer Acht lässt und eine Szene vorher analysierst, bevor du entscheidest, ob hier ein HDR notwendig ist oder nicht.
Schreib mir in den Kommentaren, wie du zu HDRs stehst! Ich freue mich auf dein Feedback!

Bis bald, 

 

Tobi



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Kommentare: 4
  • #1

    Wolfgang Thormählen (Montag, 26 September 2016 08:43)

    Guter Artikel. Danke

  • #2

    Markus Winkler (Montag, 26 September 2016 09:47)

    Danke für den Artikel.
    Ich finde jedoch, dass der übertriebene HDR Effekt, bewusst eingesetzt, außerordentlich faszinierend wirkt und selbst die negativbeispiele einen gewissen maroden und surrealen Charme bekommen, der "natürlich" gar nicht zu erreichen ist. Übertreibung kann in der Kunst ein mächtiges Element sein. Das wird beim ganzen "Anti-HDR-Talk" völlig ausgeblendet.

  • #3

    Martin (Donnerstag, 27 Oktober 2016 22:12)

    Solche HDR Bilder sehen schon sehr beeindruckend aus. Ein wenig fern von der Realität aber doch so real. Wie im Kino =)

  • #4

    Karl-Heinz Bruckschen (Freitag, 03 März 2017 14:35)

    Vielen Dank für diesen höchst interessanten Beitrag. Mit Deiner Ansicht über den Sinn der HDR-Technik bin ich völlig konform.
    Ein gut gemachtes HDR ist mir jedenfalls lieber ein ein Singleshot mit abgesoffenen Tiefen und ausgefressenen Lichtern.