Warum du als Künstler schlechte Stockfotos machst

Laborausstattung einer modernen Zahnarztpraxis

Zugegeben, der Titel ist ein wenig reißerisch. Andererseits muss er das auch sein, damit der Unterschied zwischen künstlerischem Foto und Stockfoto deutlich wird.
Jetzt bin ich natürlich kein Stockfotografie-Experte, ich bin zwar selber auch mit eigenen Bildern bei einigen Micro- & Macrostock Agenturen vertreten, würde aber die Stockfotografie nie als meine Hauptbeschäftigung ansehen. Durch meine bisherigen persönlichen Erfahrungen und dem Wissen von Vorträgen und Konferenzen zu dem Thema kann ich aber sagen, dass die meisten Fotografen, die mit einem künstlerischen Auge fotografieren, in der Stockfotografie gnadenlos untergehen würden. Es gibt natürlich Ausnahmen, zu diesen aber später mehr.

Lupenbrille eines Zahnarztes

Erst einmal möchte ich das, in meinen Augen, Hauptproblem ansprechen, was die meisten Fotografen mit der Stockfotografie haben. Die Aufnahmen, die als Stockfotos gut verkäuflich sind, sind meist sehr profane, alltägliche (und das ist wichtig) nicht-künstlerische Motive. Wie das Bild links, was tatsächlich mein am häufigsten verkauftes Bild bisher ist. Eine simple Aufnahme einer Lupenbrille im Setting einer Zahnarztpraxis. Man sieht sogar die Reflexion des Schirmes, den ich zur Ausleuchtung eingesetzt habe. Fotografisch gesehen ist das Blödsinn. Technisch zwar eine gute Aufnahme, aber eben 0 spannend! Der Punkt ist aber: JEDER Zahnarzt, oder noch weiter gefasst, jeder Mediziner oder Laborant, der eine solche Brille einsetzt, kann sich mit dem Setting und dem Produkt selbst identifizieren.

Genau darum geht es in der Stockfotografie. Und das lässt sich durch eine sehr simple Übung untermalen: Stell dir einmal vor, du müsstest einen Werbeflyer für eine Zahnartpraxis oder irgendetwas anderes designen (ein Reifenhändler, eine Autowerkstatt, ein Supermarkt, ein Blumenladen, irgendetwas). Mit welchen Bildern würdest du so einen Flyer anreichern? Welche Bilder hast du zu allererst im Kopf, wenn du das Wort "Zahnarzt" hörst? Vielleicht so etwas wie diese Brille oder eben andere, typische Werkzeuge, viel Weiß, der typische Stuhl eines Zahnarztes usw. Bei einem Reifenhändler hast du vielleicht zuerst das Bild eines Haufen alter Reifen im Kopf. Du merkst, worauf ich hinaus will? Solche Bilder sind aus fotografischer Sicht kaum ein Bild wert, Werber und Marketer reiben sich aber die Hände nach diesen Bildern! Warum? Weil sie das symbolisieren, was wir alle bereits mit dem entsprechenden Begriff verbinden und daher erwarten!

So sieht es aus, wenn ich Freisteller (Bilder vor weißem Hintergrund zum einfachen, späteren Freistellen in Photoshop) für Stock-Agenturen fotografiere. Nicht besonders kreativ, aber eine sehr gute Handwerks-Übung!

Ich komme auf das ganze Thema, weil mir in einigen Facebook-Gruppen aufgefallen ist, dass viele Fotografen nicht in der Lage sind, die Verkäuflichkeit eines Bildes einzuschätzen. Dabei steht der Stock-Markt jedem offen und man kann mit vergleichsweise wenig Einsatz ein kleines Nebeneinkommen damit erzielen (oder das Haupteinkommen, dann aber mit mehr Einsatz ;-) ).

Das finde ich persönlich ein wenig erschreckend, da die Fähigkeit, seine eigenen Bilder auf einem Markt (nämlich dem Bildermarkt) einzuordnen, auch eine gute Übung zur Selbstreflexion und zur eigenen Positionierung & Wahrnehmung darstellt. Und die Lehre, die nahezu alle Fotografen im ersten Moment daraus ziehen können (das war bei mir nicht anders): Meine Bilder, die in sozialen Netzwerken und in Fotocommunities so hochgelobt werden, sind für Käufer im Stockmarkt irrelevant. "Zu künstlerisch" lässt sich nicht verkaufen, weil es dem Endkunden nicht vermittelt werden kann. Das minimalistische S/W Portrait mit dem unheimlich tiefgreifenden Ausdruck in den Augen kann ein "normaler" Betrachter eines Plakats oder Flyers nicht deuten, es ist zu schwierig, zu komplex. Stockfotografie ist einfach, sie muss es sein, damit die Message von wirklich jedem sofort erkannt und verstanden wird.


Schaut euch dazu einmal die Bilder von Kollege Frank Röder an. Ich hatte mich zuvor eine Zeit lang mit ihm unterhalten und er hat freundlicherweise zugestimmt, dass ich seine Bilder als Anschauungsmaterial verwenden darf. Er bietet seine Bilder z.B. bei Fotolia und Westend61 zum Verkauf an. Er macht das jetzt seit über 12 Jahren und finanziert sich so seinen Ruhestand mit. Die Message, die seine Bilder vermitteln, ist immer deutlich und sofort zu erkennen. Andere Fotografen sehen dies aber häufig nicht. Die Bilder werden dann als "langweilig", "einfallslos" oder ähnlich betitelt. Und aus einer künstlerischen Perspektive mag das z.T. sogar zutreffend sein. Ich denke aber, gerade als Fotograf, sollte man wissen, für was ein Bild alles zu gebrauchen ist und welche Gruppen Bilder kaufen um damit eigene Produkte zu vermarkten oder Werbung für andere zu erstellen. Fotografie ist schon lange nicht mehr bloße "Kunst", sie ist auch ein Handwerk. Das Handwerk des "Bilder machens" für die verschiedensten Einsatzzwecke. Und genau dieser handwerkliche Aspekt scheint vielen Fotografen leider zu fehlen.

Ich hatte zu Anfangs ja schon von Ausnahmen gesprochen und natürlich gibt es diese. Prominenter Vertreter dieser Gattung ist sicherlich Lasse Behnke von lassedesignen.de. Seine Bilder sind oftmals komplexe Photoshop-Composings und sicherlich nicht "einfach". Aber die Message, das Gefühl was seine Bilder vermitteln, ist sofort und eindeutig begreifbar. Man weiß zu jedem Bild sofort, für was man damit werben könnte. Und genau das ist die Hauptaufgabe für ein Stockfoto. Und viele von seinen Bildern sind daneben auch gleichzeitig künstlerisch anspruchsvoll. 
Hier muss dann aber eine Zielgruppenausdifferenzierung stattfinden: Die Bilder von Lasse Behnke und Frank Röder unterscheiden sich deutlich, haben aber beide ihre Daseinsberechtigung, da beide Arten von Bildern auf dem Markt nachgefragt werden. Nicht unbedingt von den gleichen Kunden. Aber solange ein Markt existiert, wird dieser früher oder später auch bedient werden.

Junge Frau arbeitet am Laptop in modernem Büro

Ich hoffe, euch ist klar geworden, worauf ich hinaus möchte: Ein Foto muss nicht zwangsläufig "Kunst" sein. Und große Kunst muss nicht zwangsläufig wirtschaftlich erfolgreich sein. Ein Foto von Altpapier kann einen deutlich höheren Umsatz erzielen als das unter härtesten Bedingungen geschossene und stundenlang nachbearbeitete Landschaftsbild der Nordlichter am Sternenhimmel von Norwegen. 
Wenn ihr also überlegt, ob ihr nicht auch mal Fotos über Stock-Agenturen verkaufen wollt, schaut euch zunächst INTENSIV die dort bereits verfügbaren Bilder, die dort kaufende Kundschaft und den typischen Verwendungszweck der Bestseller an. Und oft werdet ihr dann erkennen, dass ihr für gute Stockfotos eure Art der Fotografie komplett umkrempeln müsst. Seht das aber als Chance, euch in der Fotografie noch weiterzuentwickeln und gleichzeitig ein wenig Geld damit zu verdienen und verschließt euch nicht davor. Ich lerne dort auch noch immer etwas dazu!

Wie steht ihr zu dem Thema Stockfotografie? Diskutiert mit mir in den Kommentaren!

Bis bald,

Tobi



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