Vergiss die Kamera, kümmere dich um das Licht!

Fotografie-Ausrüstung mit mehreren DSLR-Kameras, Stativen, Reflektoren und anderen Hilfsmitteln.

Dieses Thema hat mich in all seinen Facetten schon eine sehr lange Zeit beschäftigt und begleitet und es ist wahrscheinlich das Nr. 1 Thema in Foto-Foren und -Gruppen überhaupt: Welche Kamera soll ich mir kaufen? Ich brauche eine neue Kamera, worauf soll ich achten? Ich bin mit meinen Bildern nicht zufrieden, mit welcher Kamera könnte ich bessere Bilder machen? 
So oder so ähnlich klingende Fragen finden sich an jeder Ecke und als Fotograf fragt man sich entweder selbst oft solche Fragen oder man bekommt sie von allen auch nur ansatzweise Foto-Interessierten Freunden und Bekannten gestellt.

Und wenn mich meine bisherige Erfahrung als Fotograf eines gelehrt hat, dann ist es das: Vergiss die Kamera, kümmere dich um das Licht!

Und ich gehe sogar so weit zu sagen, dass sich die Überschrift nicht nur auf die Kamera, sondern auch auf das Objektiv bezieht! Natürlich gibt es Situationen, in denen ein spezielles Objektiv Voraussetzung ist, dass stelle ich nicht in Frage. Aber schaut euch mal diese beiden Beispielbilder hier an (lassen sich per Klick auch vergrößern). Eines davon ist mit dem Canon EF 50mm f/1.8 STM gemacht (ca. 100€), dass andere ist mit dem Canon EF 100mm f/2.8L IS USM Macro gemacht (ca. 800€). Könnt ihr mir sagen, welches Bild mit welchem Objektiv gemacht ist? Wenn ich es nicht wüsste, könnte ich es garantiert nicht! Und dann soll ich den 8-fachen Preis bezahlen, obwohl die Bildqualität augenscheinlich ähnlich ist? Oder wie kann es überhaupt sein, dass sich die Bilder so ähneln, obwohl das eine Objektiv doch so viel besser ist (sein muss), als das andere?
Bevor jetzt die ersten "Ja, aber...!" Rufe kommen, lasst mich das Ganze etwas breiter darlegen:

Blaubeeren im Glas auf Holztisch
Physalis auf Holztisch

Wie war das bei mir?

Zuerst einmal zu meiner Vorgeschichte: Bis 2014 habe ich mit dem Olympus E-System fotografiert, zuletzt mit einer E-30 und den Olympus Zuiko Digital Objektiven. Die Olympus hatte 12MP. Die Kamera hat mir immer sehr viel Spaß gemacht und ich wäre gerne noch länger bei Olympus geblieben. Als aber Olympus das DSLR-Segment eingestellt hat, musste ich das System wechseln (der Formfaktor der Kamera spielt für mich bei der Bedienung eine entscheidende Rolle, weshalb ein Wechsel zum Olympus OM-D System nicht in Frage kam). Ich ging also zu Canon, zur 7D. Und habe den bisher größten Kreativitäts-Boost in meiner Zeit als Fotograf erlebt! Aber, und das ist wichtig: Nicht wegen der neuen Kamera, nicht wegen den neuen Objektiven! Sondern wegen dem neuen Bedienungskonzept. Ich musste neu lernen, wie die Kamera zu bedienen ist, wie sie sich in bestimmten Situationen verhält, was ihre Stärken und Schwächen sind. Und dieser Zeitraum regt zum Experimentieren an, was eine extrem wertvolle Erfahrung ist. Aus dieser Sicht würde ich einen Systemwechsel auch immer positiv finden, leider ist das viel zu selten der Grund.

Jetzt fotografiere ich mit der Canon 6D, bin also auf das Vollformat gewechselt. Warum kam jetzt dieser Schritt, wenn ich doch vorher gesagt habe, die Kamera sei gar nicht so wichtig? Weil ich die Fähigkeiten der 7D überhaupt nicht ausnutzen konnte. Die 7D ist eine wirklich schnelle APSC-Kamera, die ihre Stärken im Autofokus und der Geschwindigkeit hat. Jetzt fotografiere ich vornehmlich Architektur & Still Lifes. Die sind einerseits nicht besonders beweglich und andererseits arbeite ich dabei fast immer vom Stativ, sodass ich sehr präzise manuell fokussieren kann. Somit sind die besonderen Stärken der 7D für mich schlicht nicht einsetzbar gewesen.
Was brauchte ich stattdessen? Maximale Bildqualität des Sensors, was für Still Lifes im Werbebereich notwendig ist, die verringerte Tiefenschärfe durch den größeren Sensor und WLAN/GPS. Der Autofokus der 6D ist mir nahezu egal. Alles, was vom Stativ entsteht, wird ausschließlich manuell fokussiert, für alles andere würde mir auch ein einziger Fokuspunkt reichen. Wenn ich Architektur aus der Hand fotografiere, liegt meine Blende irgendwo zwischen 8.0 und 13. Ob ich damit dann ein paar Zentimeter neben dem eigentlich anvisierten Ziel fokussiere oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle. Die 7D konnte 8 Bilder/Sek. schießen, die 6D kann nur noch 4 Bilder/Sek. Die Wahrheit ist aber, dass mir auch 1 Bild/Sek. reichen würde.

Ich will damit darauf hinaus, dass die wichtigste Voraussetzung für den Kauf einer Kamera das GENAUE Wissen über die eigenen Bedürfnisse ist. Wenn man das (noch) nicht hat, weil man gerade erst einsteigt, ist das völlig OK, da ging es mir auch nicht anders. So ein Wissen entsteht erst durch Erfahrung und die eigene, fotografische Ausrichtung. Das ist aber auch der Grund, warum eine Frage wie "Ich will mit der Fotografie anfangen, welche Kamera soll ich mir kaufen? Ich will Landschaften, Makros, Pferderennsport, Portraits und Autorennen fotografieren." schlicht keinen Sinn ergibt. Die Antwort darauf müsste lauten: "Nimm halt irgendeine!" Denn ohne die Erfahrung mit einer Kamera ist es unmöglich zu sagen, welche Eigenschaften an einer Kamera wirklich entscheidend für dich sind. Man kann erst einmal mit jeder beliebigen Kamera jedes beliebige Motiv fotografieren. PUNKT. Erst durch die intensive Auseinandersetzung mit einem Motiv oder einem Genre kann man feststellen, welche Eigenschaften einem helfen würden, dieses Motiv noch besser abbilden zu können.

Zwei DSLR-Kameras wovon eine Kamera ein Video filmt und die andere Kamera ein Foto schießt

Es gibt daher meiner Meinung nach nur 2 Gründe, eine Kamera zu wechseln: Entweder, die Kamera ist kaputt oder du hast die Grenzen der Kamera erreicht und weißt GANZ GENAU, an welche Grenze du dabei gestoßen bist und dass das Überschreiten dieser Grenze (mit einer anderen Kamera) dich in deiner Fotografie deutlich weiterbringen könnte. Lerne deine Kamera blind zu bedienen, lerne alle Menüpunkte auswendig und lerne vor allem auch, was jeder dieser Punkte bedeutet! Und lerne die grundlegenden Dinge der Fotografie (Blende + ISO + Belichtungszeit = Belichtung) und verinnerliche sie so sehr, dass du in der Lage bist mit jeder beliebigen Kamera ein technisch gutes Bild zu schießen. Diese Erfahrung und dieses Wissen bringt dich viel weiter, als es ein Stück Technik jemals könnte.

Um jetzt aber mal wieder den Bogen zum Anfang zu schlagen: Selbst wenn du weißt, was du brauchst, ist die Technik oftmals nicht entscheidend für die finale Bildqualität. Das Licht ist es!
Mit dem richtigen Licht kannst du die Bildqualität dermaßen krass erhöhen, dass auch das günstigste Objektiv (du erinnerst dich an den Vergleich 100€ Linse gegen 800€ Macro Objektiv weiter oben?) brillante Bilder macht. 
Übrigens: Das Blaubeeren-Bild ist mit dem 50mm STM gemacht, die Physalis wurden mit dem 100mm Macro geschossen. Das Macro hatte ich mir geliehen um es mal zu testen. Nach dem Shooting habe ich mich dann dafür entschieden, dass ich es erst einmal nicht brauche ;-)

Was ist wirklich wichtig?

Was macht denn jetzt ein Bild besser? Erfahrung & Wissen!
Als ich meinen ersten Blitz mit billigem, weißen Durchlichtschirm gekauft habe, war das wie eine Offenbarung. Selber qualitativ hochwertiges Licht erzeugen zu können hat meine Bilder direkt verbessert. Ich habe dann versucht, alles über Blitztechniken, Lichtformer und ihre Wirkung zu lernen. Damit kann ich jetzt, völlig unabhängig von Kamera und Objektiv, jedes Bild besser machen als vorher ohne dieses Wissen. Einen solchen Qualitätsschub hat mir auch die 7D oder 6D nicht gebracht und auch ein (z.B.) EF 85mm f/1.2L würde meine Bilder nicht so sehr verbessern wie es gutes Licht und vor allem das Wissen um Licht kann. Du kannst die geilste Technik auf diesem Planeten haben, wenn du ein Motiv bei schlechtem Licht fotografieren sollst, bleibt das Licht schlecht! Verbesserst du aber das Licht, wird das Bild auf JEDER KAMERA besser werden. Und Licht verbessern muss dabei nicht einmal heißen, Licht durch Blitze selbst zu erzeugen. Nimm einen billigen Reflektor mit nach draußen und mache mal bewusst Portraits im Gegenlicht und lenke mit dem Reflektor einfach das Licht zurück auf die Person! Stelle eine Person oder ein Objekt in einem Raum nicht vor die weiße Wand, sondern vielleicht mal neben das große Fenster mit den durchscheinenden Vorhängen. Und mache deine Landschaftsfotos nicht zur Mittagszeit bei hoch stehender Sonne, sondern warte auf den Sonnenuntergang.

Canon EF 50mm f/1.8 STM DSLR Objektiv

Wovon kannst du jetzt am meisten profitieren?
Meiner Meinung nach, solltest du zuerst deine VORHANDENE Technik in- und auswendig lernen. Lerne alles über deine Kamera, ihre Stärken, ihre Schwächen und wie diese in deine bevorzugten Genres hineinspielen. Nimm dir als nächstes IRGENDEIN OBJEKTIV und fotografiere damit eine Woche lang ALLES. Danach kennst du dieses Objektiv, du weißt, wo seine Stärken und Schwächen liegen, du weißt, wie es sich in verschiedensten Situationen verhält. Fotografiere bewusst Landschaften mit dem 200mm Tele. Fotografiere (so wie ich) bewusst Makros & Detailaufnahmen mit dem billigen 50mm Portraitobjektiv. Diese Beschränkung lässt dich die Eigenschaften des Objektivs viel intensiver lernen und fördert gleichzeitig deine Kreativität. Und du erkennst vielleicht sogar, dass du das Macro, wovon du immer dachtest man bräuchte es, in Wahrheit garnicht brauchst ;-)
Vor allem aber, und hier schlagen wir den Bogen zum Anfang, lerne Licht zu sehen! Lerne alles über Licht und seine Eigenschaften. Lerne Schatten zu erkennen. Lerne auch, Schatten vorherzusagen, wenn das Licht, was du haben willst, noch gar nicht da ist! Das ist natürlich alles leicht daher gesagt, die Wahrheit ist aber auch: So etwas lernst du nicht von heute auf morgen! Das braucht Zeit, Monate, Jahre. Du kannst diesen Prozess beschleunigen (Workshops sind ein guter Weg), aber du kannst ihn nicht umgehen durch eine Frage wie: "Was ist die beste Kamera für 1000€"? Und ernsthaft: Vermeide solche Fragen. Du bekommst darauf so viele unterschiedliche Antworten, dass sie dich nur noch mehr verwirren. Ich weiß, dass man sowas gerade als Anfänger nicht hören möchte und 1001 Artikel von anderen Fotoseiten und -Blogs möchten dir auch erzählen, dass diese oder jene die beste Kamera für ein bestimmtes Budget ist. Aber was für DICH am besten passt, kannst einzig und allein DU entscheiden, indem du Erfahrungen sammelst, und dazu gehören auch Erfahrungen wie: "OK, den Kauf hätte ich mir sparen können, dass brauche ich ja gar nicht!" Daher ist mein wirklich ernst gemeinter Tipp, wenn du vor der Entscheidung für deine erste Kamera stehst: Kauf dir IRGENDEINE Kamera, die dir gefällt und die du vor allem in die Hand nehmen kannst vor dem Kauf. Sie muss für dich gut in der Hand liegen und du musst denken "Ja, mit dieser Kamera könnte ich warm werden, die Bedienung dieses Gerätes wird bestimmt Spaß machen!" Und ja, dass ist ein Bauchgefühl, für die erste Kamera ist das aber alles, was du brauchst. Und alles, was du dann noch an Geld übrig hast, investiere in Workshops, auf denen du in sehr kurzer Zeit sehr viele neue Erfahrungen sammeln und gezielter lernen kannst.

Damit du jetzt aber nicht völlig frustriert hier rausgehst, habe ich doch noch eine ganz konkrete Produktempfehlung: Das Buch Light Science and Magic: An Introduction to Photographic Lighting (Affiliate Link) . Es ist leider in Englisch und es ist auch kein Buch, was mal eben so nebenher gelesen werden kann. Es ist aber meiner Meinung nach DAS Nachschlagewerk für alle Fragen, die sich irgendwie mit Licht in der Fotografie beschäftigen. Kein anderes Buch über Fotografie und/oder Technik konnte mir einerseits so viele Fragen beantworten und hatte andererseits einen so entscheidenden Einfluss auf meine Entwicklung. Und ich habe tatsächlich eine ganze Menge Bücher hier herumstehen. Aber nur dieses eine wird immer wieder aus dem Regal gezogen und noch immer kann ich jedes Mal daraus lernen.

So, jetzt ist dieser Artikel ein wenig länglich geworden, ich empfand es aber als nötig, dieses Thema auch in dieser Breite zu behandeln. Ich hoffe, ich konnte damit dir als Anfänger die richtige Richtung zeigen. Aber auch wenn du schon ein fortgeschrittener Fotograf bist (ich kenne das doch selbst), ist die Faszination für neue Ausrüstung doch immer noch hoch ;-) Versuch trotzdem dich ein wenig von deinem G.A.S. (Gear Acquisition Syndrom) zu heilen und fange an, dich den wirklich wichtigen Sachen in der Fotografie zu widmen: Licht & Schatten.

Wie siehst du das Ganze? Diskutier mit mir in den Kommentaren!

Bis bald,

 

Tobi



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Kommentare: 5
  • #1

    Lars Döbler (Sonntag, 27 März 2016 09:22)

    Sehr gut geschrieben. Und den Nagel voll getroffen.

  • #2

    Thomas Berrens (Sonntag, 27 März 2016 09:43)

    Sehr guter Artikel. Ich kann das komplett nachempfinden, dass mir mit dem Kaufen ähnlich ergeht, aber dank gestiegener Fixkosten kann ich mir wirklich derzeit nix neues leisten. Irgendwie hab ich dann angefangen mich intensiver mit den vorhanden Mitteln Zu beschäftigen, ja was soll ich sagen, man braucht wirklich nicht viel, um bessere Bilder zu machen. Außer einem LICHT.

  • #3

    Colin Saks (Sonntag, 27 März 2016 11:38)

    Super Worte. Schön zu lesen, dass mit dem Technik-Mythos mal schön abgerechnet und die Sache klar auf den Punkt gebracht wird: good light is everything. Tolle Seite, weiter so!
    Beste Grüsse
    Colin

  • #4

    Volker D. (Donnerstag, 28 April 2016 11:34)

    Ist genau das, was ich auch immer wieder predige! Sehr gut geschrieben! :)

  • #5

    Christoph (Mittwoch, 04 Mai 2016 13:58)

    Hallo,

    guter Artikel und bei den meisten Sachen gebe ich dir Recht. Für mich hat allerdings das Upgrade von einer Nikon D7100 auf eine D750 unheimlich viel gebracht. Ebenso der Kauf meines ersten (etwa 15 Jahre alten) lichtstarken Tele-Zooms. Seitdem will ich gar nicht mehr erweitern und erfreue mich immer wieder aufs Neue an der Abbildungsleistung dieser Kombination, insbesondere bei wenig Licht. Dass man das aber nicht beim Einstieg in die Fotografie schon wissen kann, seh ich ganz genau so!

    PS: Nicht böse nehmen, aber bitte auf das/dass achten.