Sinn und Unsinn von Langzeitbelichtungen

Langzeitbelichtungen sind eine super spannende Spielart der Fotografie und können zu sehr surrealen Ergebnissen führen, aber auch ganz praktische Anwendungsfälle haben. Heute möchte ich euch erklären, wann und wo ich Langzeitbelichtungen für sinnvoll halte und wann und wo nicht. Aber starten möchte ich mit einem Tutorial-Video, was ich für euch an der Zeelandbrücke in den Niederlanden aufgenommen habe. Darin erkläre ich meinen Workflow beim Fotografieren von Langzeitbelichtungen und erzähle auch etwas über das verwendete Zubehör!

Der Fernauslöser, den ich in dem Video benutze, ist übrigens dieser hier:

Der ist nämlich universell für jede Kamera einsetzbar, man muss nur das passende Verbindungskabel noch dazu bestellen (oder man hat schon ein Kabel mit 2,5mm Klinkenstecker für seine Kamera).

Und das angesprochene Graufilter-Set von HAIDA ist dieses:

Das gibt es auch mit anderen Filterdurchmessern, die meisten Weitwinkelobjektive haben aber ein 77mm Filtergewinde (wobei der Trend in Richtung 82mm geht). 


Wichtig ist nur, dass ihr die "Slim" Filter nehmt, da diese niedriger sind und damit im Weitwinkelbereich weniger Vignetten erzeugen. Das ist vor allem dann wichtig, wenn ihr die Filter übereinander schraubt. Das teurere "Pro II" Set soll eine besser korrigierte Farbverschiebung haben, dass hatte ich aber selbst noch nicht in der Hand.

Und ich weiß, dass viele von euch Steckfiltersysteme benutzen, dass Vorgehen bei der Belichtung ist aber natürlich identisch. Ich sage es in dem Video ja auch schon, ich habe bisher noch nicht den Drang verspürt, auf ein Steckfilter-System zu wechseln. Die Neugierde ist aber da und vielleicht probiere ich es bald auch einmal aus.

Zeeland Brücke (Zeelandbrug) in den Niederlanden in Schwarzweiß mit Geländer im Vordergrund

Aber wozu brauchen wir überhaupt Graufilter und Fernauslöser und den ganzen Kram? 
Eine Langzeitbelichtung verfolgt immer einen bestimmten Zweck, entweder den, Bewegungen "fließender" darzustellen oder bewegte Objekte gänzlich aus dem Bild zu entfernen. Langzeitbelichtungen erlauben z.B. Bilder wie meine Interpretation der Zeelandbrücke hier, wo eine Belichtungszeit von 6 Minuten das Wasser derart glatt und milchig gezogen hat, dass der Übergang von Himmel und Wasser einerseits extrem weich wird und andererseits Reflexionen auf der Wasseroberfläche ebenfalls weicher werden, da sich der Sonnenstand in 6 Minuten durchaus signifikant ändert, der Schatten und die Reflexion also wandert. Und ganz davon abgesehen liebe ich diesen surrealen Look, den milchig-nebliges Wasser mit sich bringt.
Jetzt klingen 6 Minuten sehr lange und das sind sie auch, vor allem vor dem Hintergrund, dass die meisten Kameras nur Belichtungszeiten bis max. 30 Sekunden erlauben. Und hier kommt jetzt unser Zubehör ins Spiel: Der Fernauslöser ist gleichzeitig ein BULB-Timer, der die Kamera im BULB-Modus steuern kann. Denn sonst müssten wir solange wie wir belichten wollen den Finger aus dem Auslöser gedrückt halten. Und die Graufilter sorgen dafür, dass weniger Licht aus dem Kamerasensor fällt um überhaupt so lange Belichtungszeiten zu ermöglichen. Das Bild wurde nämlich gegen 13:00 Uhr bei praller Mittagssonne und blauem Himmel geschossen.

Aber erst einmal zum WANN & WO:

Wann möchte ich eine Langzeitbelichtung machen:

  • Wenn ich Wasser weich, fließend oder nebelig darstellen möchte
  • Wenn ich Wolken am Himmel vorüberziehen lassen möchte
  • Um Schatten und Lichtkanten auf Objekten weicher zu machen
  • Um Fußgänger oder sich bewegende Fahrzeuge aus einem Bild zu entfernen

Das sind meine Hauptgründe, bei denen ich Langzeitbelichtungen einsetze. Wie lang genau eine entsprechende Belichtung dabei sein muss, hängt stark von der Bewegungsgeschwindigkeit des Objekts ab. Wolken an einem windstillen Tag brauchen SEHR lange um sich zu bewegen, da sind Zeiten von 5-6 Minuten das Minimum. Auch das Wasser auf dem Bild weiter oben wurde erst ab 5 Minuten so richtig schon weich. Andere Belichtungen mit 3 Minuten Belichtungszeit hatten noch eine deutliche Struktur. Dagegen braucht ihr z.B. an einem Wasserfall nur vielleicht 20-30 Sekunden für einen extrem weichen Effekt und nur ca. 2-5 Sekunden für einen schönen, fließenden Effekt. Fußgänger dagegen sind wieder eine Sache, die sehr lange Zeiten benötigen. So ist also der richtige Wert auch immer eine Erfahrungssache, an die ihr euch herantasten müsst.

Zeelandbrücke (Zeelandbrug) in den Niederlanden kurz nach Sonnenuntergang mit eingeschalteter Beleuchtung

Wann machen Langzeitbelichtungen keinen Sinn?

 

  • An bedeckten Tagen, wenn es um ziehende Wolken und/oder weichere Schatten/Lichtreflexe gehen soll
  • Wenn ihr Bewegungen einfrieren wollt (logisch)

Viele meiner Fine Art Architekturbilder sind an bedeckten Tagen entstanden, weil die Fassade dann keine harten Kontraste aufweist. Ich habe dann in Photoshop die Freiheit mir alle gewollten Kontraste problemlos genau dorthin zu setzen, wo ich sie gerne hätte. Daher sind die Himmel dann simulierte Langzeitbelichtungen mit Photoshop geworden (wenn ihr wissen wollt, wie ich meine simulierten Wolken in Photoshop erzeuge, schaut euch meinen Photoshop QUICKTIP dazu an!). Dort hätte es keinen Sinn gemacht, eine Langzeitbelichtung zu machen. Der bedeckte Himmel hätte auf dem finalen Bild ohnehin ersetzt werden müssen um die Dramatik des Bildes zu unterstützen und eventuell vorhandene Schattenkanten werden bei bedecktem Himmel nicht wirklich weicher, da die Wolkendecke wie ein riesiger Diffusor wirkt und alle Schatten ohnehin schon sehr weich sind.


Es gibt natürlich noch viel mehr Arten der Langzeitbelichtung: Light Trails, Lightpainting, Star Trails, generell Astrofotografie usw. Hier sind aber wieder andere Faktoren entscheidend und die Belichtungszeiten eher kurz (heißt, nicht über eine Minute ;-) ). Da viele dieser Motive ohnehin nachts fotografiert werden, sind hier auch Graufilter überflüssig. Graufilter dienen in erster Linie der Herstellung langer Belichtungszeiten am Tag.

Ich selber bin großer Fan von Langzeitbelichtungen und wenn es sich lohnt, ziehe ich diese definitiv der Simulation in Photoshop vor. Man ist aber gleichzeitig auch sehr vom Wetter abhängig und eine Fototour kann nicht immer so frei geplant werden, dass man sich nur nach dem Wetter richtet. Daher sollte man am besten beide Techniken beherrschen.
Langzeitbelichtungen haben auch etwas sehr beruhigendes, entschleunigendes, wenn ihr euch bewusst darauf einlasst, in einer Stunde vielleicht nur 10 Bilder schießen zu können. Die Auseinandersetzung mit dem Motiv an sich wird dadurch intensiviert, denn erst nach 6 Minuten zu sehen, dass der Fokus nicht saß, ist äußerst ärgerlich ;-)

Wie steht ihr zum Thema Langzeitbelichtungen und womit arbeitet ihr? Haut auch gerne Links zu euren Langzeitbelichtungen in die Kommentare und diskutiert mit mir!

Bis bald,

Tobi



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Kommentare: 3
  • #1

    Achim (Montag, 21 März 2016 13:50)

    Hi Tobi. Ich stimme so ziemlich mit allem überein, was du im Blog schreibst und im Video erklärst. Auch ich bin ein großer Fan von LZB und mein Workflow sieht bei mir genau so aus wie bei dir.
    Folgende Ergänzungen vielleicht noch: bei Belichtungszeiten jenseits der 5 Minuten verschärft sich die Problematik, sich Hotpixel einzufangen, da sich der Sensor aufheizt. Im Sommer, in südlichen Gefilden, kann das ein übles Problem werden. Ich arbeite dann z.T. mit dem PS-Filter "Staub und Kratzer" mit kleinem Radius, um diese lästigen Pünktchen los zu werden. Allerdings muss man schon gut aufpassen, dass man keine Details verliert.
    Statt des programmierbaren Fernauslösers benutze ich an meiner 6D die Zusatzfirmware "magic lantern". Dort kann ich im Bulbmodus meine Zeiten ebenfalls frei programmieren.
    Noch was: ich habe die Erfahrung gemacht, dass LZB auch bei bewölktem Himmel Sinn machen. Auch wenn der Himmel wie eine Riesensoftbox wirkt, ist das Lichtblending trotzdem ein anderes, was mir persönlich sehr gut gefällt. Die leichte Farbverschiebung Richtung Sepia und die Vignette beim Stacken des 10er+6er Haida kommen mir dabei sehr entgegen.

  • #2

    Stefan (Sonntag, 27 März 2016 14:50)

    Wirklich super tolles Video.
    Eine Frage stellt sich mir aber immer mehr in letzter Zeit:
    Gibt es eine Möglichkeit die Vignettierung ganz raus zu bekommen?

    Grundsätzlich bin ich auch ein großer Fan der Vignettierung,
    aber ich habe das Problem bei Langzeit-Panoramen.
    Dort ist die Vignettierung der einzelnen Bilder leider ein großes Problem da ich ja im zusammengesetzten Panorama schwarze Streifen drin hab.

    Hast du hierfür einen Tip?

    LG
    Stefan

  • #3

    Tobi (Sonntag, 27 März 2016 15:32)

    Hey Stefan!

    Das stimmt natürlich, bei Panoramen ist das ein Problem. Da würde ich als erstes versuchen mit längeren Brennweiten zu experimentieren. Wenn das Bild ohnehin zusammengesetzt wird, musst du ja nicht im UWW-Bereich fotografieren. Und je länger die Brennweite (und damit kleiner der Bildwinkel) desto geringer fällt auch eine Vignettierung durch Filterhalter usw. auf. Dazu könntest du dann noch mit flacheren Schraubfiltern oder breiteren Filterhaltern experimentieren, um den Filter selbst möglichst weit aus dem Weg zu räumen. Und zum Schluss die Vignettierungskorrektur in Lightroom und/oder Photoshop, die schon sehr gute Dienste leisten kann :-)