Was ist eigentlich diese "Fine Art"?

Eine gute Frage, die immer mal wieder gestellt wird. Und das Schöne an der Antwort: Es kann alles sein!

Soweit zur Kurzfassung, aber lasst mich das mal etwas ausführen:
Westhafen Tower in Frankfurt am Main als Fine Art Vision

Fine Art ist eine Kunstform, die keinen praktischen Anspruch hat. Fine Art dient ausschließlich der ästhetischen Verwirklichung einer Vision und ist nicht "praktisch". Das klingt ein wenig abstrakt, aber genau das soll es auch sein.
Um mal den Wikipedia-Artikel zur Fine Art zu zitieren: "In Western European academic traditions, fine art is art developed primarily for aesthetics or beauty, distinguishing it from applied art that also has to serve some practical function." 
Der Hauptunterschied zu anderen Kunstformen ist also der, dass Fine Art keinen Zweck haben muss außer "schön" zu sein. Und genau das macht den Begriff natürlich so vielseitig einsetzbar.
Eine Google-Bildersuche nach "Fine Art" findet als Ergebnis, neben expressionistischen Malereien, auch Naturfotografien, Malereien von Wildtieren, oder auch Portraits wie die Mona Lisa. Daneben aber auch Digital Art und sogar Tätowierungen.

Was bedeutet diese Definition nun für die Fotografie und warum lege ich Wert darauf, den Begriff "Fine Art" bei meinen Architekturfotografien mit zu nennen?

  1. Fine Art wirkt legitimierend für Bildmanipulationen. Ich hatte in einem anderen Blogbeitrag zwar schon darauf hingewiesen, dass ich eigentlich denke, dass Bildmanipulationen für den Betrachter irrelevant sein sollte, die Tatsache ist jedoch, dass sie das (aktuell noch) nicht sind. Da ein Fine Art Werk aber, laut Definition, keinerlei Ansprüche erhebt außer, dass es ästhetisch ansprechend sein muss, könnte ich z.B. eine ganze Flotte Flugzeuge in mein Bild einbauen, solange diese das Bild ansprechend machen. Dass das dann keine Abbildung der Realtität mehr ist, steht dabei völlig außer Frage. Das will Fine Art aber auch überhaupt nicht sein!
  2. Der Begriff "Fine Art" vermittelt dem Betrachter die Vorarbeit und die Hintergründe zu einem Bild. Ein Fine Art Werk ist kein Schnappschuss. Fine Art ist geplant, ist sorgfältig durchgeführt. In der Bildbearbeitung (um bei der Fotografie zu bleiben) wird jedes kleinste Detail beachtet und perfektioniert. Die Aufnahme des Bildes wird im Vorfeld geplant, um die bestmöglichen Bedingungen vorzufinden. Alles läuft darauf hinaus, schon VORHER zu wissen, wie das Bild am Ende aussehen soll. In kurz: Eine VISION haben.
  3. Fine Art benötigt eine gewisse Professionalität, sowohl in der Aufnahme als auch in der Bearbeitung. Jemand, der ernsthaft im Bereich Fine Art Fotografie unterwegs ist, sollte sich meiner Meinung nach nicht mehr "Hobbyfotograf" oder "Amateurfotograf" nennen, da er mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem ähnlichen Level arbeitet, wie ein Profi (was auch immer dieser Titel beinhaltet).
Rolltreppen im Bahnhof Liège-Guillemins in Lüttich, Belgien

Fine Art ermöglicht es mir also, Bilder so zu gestalten, wie ich es will, völlig unabhängig von äußeren Konventionen oder gar der Realität. Und genau das mache und verfolge ich mit meinen Fine Art Bildern auch (was ich lang und breit schon hier niedergeschrieben habe).

Ich kann auf diese Weise eigene Visionen und Fantasien umsetzen. Daher möchte ich hier auch noch den Begriff der (en)Visionography in den Raum werfen, den der oder die eine oder andere bestimmt schon einmal gehört hat. Geprägt wurde der Begriff von Joel Tjintjelaar und Julia Anna Gospodarou, welche mich beide auch maßgeblich in meinem Stil beeinflusst haben. 

Was die beiden mit dieser Wortneuschöpfung meinen, ist Folgendes: Ein gutes Bild benötigt immer eine Vision, die Vorstellung und Emotion des Künstlers selbst, die sich in dem Bild wieder spiegeln muss. Der Betrachter muss an dem Bild die Emotionen und die Gemütslage des Künstlers ablesen können und gleichzeitig muss der Künstler den Betrachter seine Sicht auf die Welt verdeutlichen, nicht die bloße Abbildung der Realität, sondern seine Vision derselbigen.

"The process of using reality as a tool for translating one's inner self and representation of the world into an art object that can make others resonate." (Julia Anna Gospodarou)

Ob dieser Prozess, gegenüber der "klassischen" Fine Art Fotografie, ein tatsächlich neuartiger Ansatz ist, sei dahingestellt. Es war meiner Meinung nach aber trotzdem notwendig, Fine Art auf eine moderne Art und Weise auf die Fotografie und vor allem die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung zu übertragen.

Vorher/Nachher Vergleich einer Fine Art Bearbeitung der Erasmusbrücke in Rotterdam, Niederlande

Ein solcher Vorher/Nachher Vergleich illustriert schön, wie ich das Thema Fine Art für meine Arbeiten sehe:

Fine Art bedeutet für mich auch eine Reduktion, eine Abstraktion des Subjekts auf seine wesentlichen Bestandteile. Die gleichzeitige Umwandlung eines Bildes in S/W unterstützt die klare Formensprache und reduziert das Objekt weiter auf seine bloße Form, ohne die Ablenkung von Farbe. Farbe kann allerdings auch ein elementarer Bestandteil eines solchen Bildes sein, nutze ich doch gerne auch Selective Color um dem Bild eine eindeutige Atmosphäre durch den Einsatz von Signalfarben zu geben. Überwiegend wird ein Bild jedoch auf S/W reduziert und erhält damit einen weiteren Abstraktionslevel, der es aus der Realität heraushebt.

Fine Art Vision mit Selective Color der DITIB Zentralmoschee in Köln
Der Einsatz von Farbe trägt bei diesem Bild maßgeblich zur Atmosphäre und der Intention dieses Bildes bei, wobei dennoch Platz für freie Interpretationen gelassen wird.

Die wichtigsten Eckpunkte von Fine Art sollten jetzt klar geworden sein. Wie steht ihr zu dem Thema? Seit ihr selbst auch in der Fine Art Fotografie unterwegs und wie steht ihr zu dem Begriff selbst? Diskutiert mit mir in den Kommentaren!

Bis bald!

Tobi



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Kommentare: 1
  • #1

    Isa Ehrmann (Sonntag, 06 März 2016 09:07)

    Vielen Dank für deine ausführlichen Worte.
    Oft müssen wir uns anfeinden lassen und damit auseinandersetzen, dass Fotos unserer Art so stark bearbeitet sind. Viele nennen es dann nicht mehr Fotografie obwohl die Grundbausteine ja Fotos sind. Nun habe ich du gewichtiges Argument.