Photoshop - Eine Geschichte voller Missverständnisse?

Ich muss heute mal eine Lanze brechen für Photoshop und die Möglichkeiten, die einem dieses wundervolle Tool eröffnet. Und ich möchte klarstellen, was ich damit mache und warum. Denn immer wieder begegne ich Personen, die entweder der Meinung sind, ein Bild, was mit Photoshop manipuliert worden ist, sei "minderwertig" und "kein echtes Foto" oder aber ein nicht manipuliertes Bild für "photoshopped" halten und das als Aufhänger für maßlose Kritik sehen, obwohl sie offensichtlich im Unrecht sind. Mir geht es dabei auch garnicht um Kritikfähigkeit, um Geschmack oder den eigenen Stil. Ich würde einfach gerne sehen, dass tolerant mit den uns gegebenen Möglichkeiten umgegangen wird. 

Aber woher kommt der ganze Ärger?

Blick durch die Häuserschluchten in Frankfurt am Main nach oben mit Flugzeug und Kondensstreifen am Himmel

Das hier ist das umstrittene Bild. Eine Aufnahme aus Frankfurt, im Look stark verändert und auch der Fisheye-Effekt ist nachträglich hinzugefügt worden, um die Dynamik des Bildes zu verstärken. Und natürlich war auch das Flugzeug nicht an dieser Stelle im Bild, dieses wurde nachträglich mit Photoshop eingefügt.

Jetzt muss ich dazu sagen, dass ich schon lange vor dem umstrittenen Nikon-Gewinnerbild Flugzeuge und Vogelschwärme in meine Bilder eingebaut habe, vorher schien es jedoch niemanden zu stören. Es mag daher ein temporäres Phänomen sein, in seiner Gesamtheit aber sehe ich es immer häufiger. Aber gerade der vermeintliche Skandal um den Nikon-Wettbewerb gab mir auch noch einmal zu denken. Warum musste sich der Fotograf überhaupt entschuldigen? Warum hat sich Nikon überhaupt entschuldigt? Warum hat sich überhaupt irgendwer dafür entschuldigt, ein cooles Bild erschaffen zu haben?!

Zugegeben, ich kenne die genauen Teilnahmebedingungen des Wettbewerbs nicht. Wenn diese die Bildmanipulation explizit ausschließen, war es sicher richtig, sich zu entschuldigen, denn dann hat der Fotograf diese Teilnahmebedingungen nicht anerkannt. Sollte Bildmanipulation jedoch nicht explizit ausgeschlossen worden sein, verstehe ich das Problem nicht.  Dann hätte ich auch mit einem Bild teilgenommen, was wahrscheinlich irgendwie mit Photoshop verändert oder manipuliert worden ist. Warum auch nicht? Wenn das Gesamtbild durch die Veränderung aufgewertet wird, ist es doch eine reine Win-Win-Situation. Dem Betrachter gefällt das Bild besser und ich selber konnte meine Vision des fertigen Bildes ebenfalls besser rüberbringen. Ich selber tausche Himmel aus, simuliere Langzeitbelichtungen, rendere mir neue Wolken, erzeuge komplett neue Licht/Schatten Reflexe und füge Elemente in ein Bild ein oder entferne andere Elemente aus einem Bild. Damit das Bild am Ende so aussieht, wie ich es mir vorgestellt habe. Aber mir fällt auf, dass nach diesem vermeintlichen Skandal um den Fotowettbewerb, stark vermehrt Kritik an Bildelementen aufkommt, die schlicht und ergreifend nur eingebaut wurden, um das Bild interessanter zu machen. Ich habe mit meinem Bildern nie die Absicht, etwas "realistisch" darzustellen, dass ist mir einfach zu langweilig. Realistisch sehe ich schon mit meinen Augen tagtäglich, da möchte ich mit meinen Bildern lieber etwas anderes, etwas fantastischeres sehen. Ich muss aber sagen es bedrückt mich ein wenig, dass der Zeitgeist durch eine News-Meldung so eindeutig verschoben und beeinflusst wurde, dass digitale Bildbearbeitung und -Manipulation jetzt nachhaltig als etwas Schlechtes dargestellt wird.

Dunkle Vision des DB Silver Tower in Frankfurt am Main mit Denkmal im Vordergrund und Vogelschwarm am Himmel

Aber schauen wir mal kurz auf das Wort "Manipulation". Es impliziert bereits eine negative Haltung gegenüber der Veränderung. Vom Wortlaut her, eine Veränderung bestimmter Bedingungen, um sich einen eigenen, ungerechtfertigten Vorteil gegenüber anderen zu verschaffen. Wenn ich aber ein Bild erschaffe, welches durch so eine "Manipulation" aufgewertet wird, wo ist dann der Vorteil gegenüber anderen? Und jetzt fangt nicht an mit "Ja, aber der Fotograf der stundenlang auf ein Flugzeug gewartet hat nur um diesen einen Shot zu bekommen...". Das Endergebnis ist doch identisch! Ob ich 4h auf das Flugzeug warte, oder ob ich mich nach dem Shot mit Photoshop beschäftige und das Flugzeug einbaue, dass Ergebnis ist das selbe! Und genau an dieser Stelle erschließt sich mir die gesamte Kritik an diesem Thema nicht. Meiner Meinung nach sollten wir doch alle froh sein, dass uns ein besseres Bild präsentiert wird. Wenn jemand die 4h warten möchte, weil es ihm Spaß macht, ein Bild in der Kamera möglichst perfekt einzufangen, dann ist das natürlich cool und ich käme niemals auf die Idee, dass zu kritisieren. Aber das Einfügen von Objekten mit Photoshop ist auch eine Fähigkeit, die erst einmal erlernt werden muss. Und wenn ich dann höre "ja, aber das Flugzeug mit diesen Kondensstreifen müsste mindestens XX Kilometer hoch fliegen, es müsste also viel kleiner aussehen und könnte garnicht so hell sein usw." dann kann ich mir nur denken: "Ja, dann sähe es aber auch einfach scheiße aus, weil man nichts mehr erkennen könnte!". Denn dann wäre es nur noch ein Schnappschuss, und kein "Werk" mehr.
Bei dem Bild rechts wurde der Vogelschwarm eingefügt. Dann mit dem Argument zu kommen "Man sieht ja sofort, dass das eingefügt wurde" ist völliger Quatsch! Natürlich sieht man es! Eine Langzeitbelichtung zusammen mit einem durch kurze Belichtungszeit im Flug eingefangenen Vogelschwarm ist unmöglich! Glaubt ihr ernsthaft, dass wüsste ich nicht? Ihr erkennt nur nicht, dass das eben absolut nicht der Punkt und der Grund für dieses Bild ist. Ich möchte Menschen nicht belehren, wie sie mein Bild zu interpretieren oder zu begutachten haben, jeder soll sich einfach nur an einem schönen Bild erfreuen (oder auch nicht, was vollkommen OK ist). Zu sagen "Ich mag dieses Bild nicht" stört mich nicht im geringsten, das ist absolut in Ordnung. Aber zu sagen, "Das sieht unrealistisch aus" ist unsinn, weil jedem klar ist, dass es das ist und das es das auch sein will.

In der kommerziellen Fotografie wird immer "betrogen"

In der High End Fashion Fotografie scheinen sich alle daran gewöhnt zu haben, dass mit Photoshop extrem an den Models herumgespielt wird. Es dürfte jedem bekannt sein, dass die normale Frau nicht so aussieht, wie die Frauen in der VOGUE. Und selbst die Frauen in der VOGUE sehen auch nur in dieser Zeitschrift auf den Fotos so aus. Es dient der Transportation eines Gefühls, einer Stimmung und im Bereich Fashion auch einer Lebenseinstellung und eines Styles. Nicht anders ist es bei anderen Fotos, wo Elemente des Bildes dazu beitragen, dass Gesamtbild stimmiger zu machen. Was dabei "stimmig" und "nicht stimmig" ist, ist in Grenzen sicherlich Geschmackssache. Grundlagen der Komposition sind aber immer anwendbar und nicht nur einfach mit "Geschmack" abgetan. Und wenn zusätzliche Elemente (oder auch nachträglich entfernte Elemente) dazu beitragen, die Komposition entscheidend zu verbessern, käme mir nie auch nur der Gedanke, dieses Vorgehen zu kritisieren.

Mein Ziel ist es immer, euch ein möglichst einzigartiges Bild zu präsentieren, etwas fantastisches, was es so im Alltag nicht zu sehen gibt. Und das gilt sowohl für die Architekturfotografie als auch für die Food Fotografie. Und dazu gehört auch, sich ein Bild mit den Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung genau anzusehen, um eben diese Fantasie, diese Einzigartigkeit mit einzubringen. Und das Argument "auch in analogen Zeiten wurde schon bearbeitet und manipuliert" lasse ich mal ganz Außen vor, dass weiß mittlerweile jeder und ist als Pro-Photoshop Argument auch einfach ausgelutscht (wahr ist es natürlich trotzdem). 

Dieser Artikel soll keine Rechtfertigung meinerseits gegenüber meinen Kritikern in diesem Bereich sein, sondern ein Plädoyer für mehr Toleranz in der digitalen Fotografie. Er soll als Diskussionsgrundlage für den Sinn oder Unsinn einer Suche nach der "wahren Fotografie" dienen. Also diskutiert fleißig mit mir! Wie steht ihr zu diesem Thema? Was habt ihr schon alles mit Photoshop verändert? Schreibt's mir in den Kommentaren!

Bis bald!

Tobi



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Kommentare: 2
  • #1

    Markus Maurer (Sonntag, 28 Februar 2016 12:09)

    Ich mache auch keine "Bildberichterstattung". Ich bin kein Pressefotograf.

    Warum sollte man ein schönes Foto nicht noch schöner und interessanter machen?

    Wer hat denn bitteschön die Zeit zu warten, bis ein Flugzeug gerade ideal irgendwo drüber fliegt? Und das ist nur ein Beispiel.

    Ich habe ein geiles Foto einer Kirche geschossen. An dem Tag war aber kein schöner Himmel. Warum also nicht den Himmel ersetzen? Aus einem tristen Foto wurde ein super aussehendes Kunstwerk!

    Maler werden oft auch nicht verstanden... Bis dann der eine Kunstexperte kommt, dem das Bild gefällt.
    ...und auf einmal finden es alle gut! Komisch, gell?

    Ich kann nur sagen, macht weiter so. Solange es keine Bildberichterstattung ist, kann es künstlerisch verändert werden.
    Ich würde das auch nicht verheimlichen. Wenn es gut gemacht ist, verdient es auch Anerkennung!

    Wir sind auch Künstler!!

  • #2

    Achim K. (Sonntag, 28 Februar 2016 12:10)

    Sehr gut geschriebener Artikel, Tobias. Du bringst es auf den Punkt. Man muss bei der Sache ganz einfach unterscheiden, welches Ziel man mit seinen Werken verfolgt. Ein Reportage-Foto bedarf i.d.R. keiner großen Nachbearbeitung, es sei denn man will gezielt etwas falsch darstellen. In dem Segment, in dem du und viele andere Fotografen tätig sind geht es darum, seine Sichtweise, seine Vision einer Szenerie darzustellen. Dies geht eben oft nur durch ,,Verfremdung'' als gezielt eingesetztes Stilmittel. Ein Künstler - ganz besonders im abstrakten Bereich - macht da nichts anderes. Die Leinwand des Fotografen ist das raw-File, aus dem er sein Werk schafft. Ich selbst habe neulich auf einer Ausstellung wieder einmal in abwertender Weise von einer älteren Dame anhören müssen, dass mein Foto ja wohl bearbeitet wäre. Es war das Foto eines Steges mitten in einem See , deutlich vor Sonnenaufgang mit genialer Purpurfärbung. Ich hatte die Farben nachträglich kaum verstärkt. Heute ist in vielen Köpfen eben schon die Meinung: digital, daher nicht realistisch. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die größten Gegner der Verfremdungen eben diejenigen sind, die sich noch nie richtig mit Photoshop und den fortgeschrittenen Techniken beschäftigt haben. Denn das ist Arbeit, kostet jede Menge Zeit und wenn man nicht ständig am Ball bleibt verlernt man das ganze wieder. Auch aus diesem Grund wird es immer einige Leute geben, die Endresultate wie deine, verteufeln werden.