Warum eigentlich Food & Architekturfotografie?

Einige Leute fragen sich immer wieder, warum ich mich gerade auf die beiden Bereiche Architektur & Food Fotografie spezialisiert habe. Dazu erst einmal die Frage: Wozu überhaupt eine Spezialisierung?
Generell lässt sich sagen, dass die meisten erfolgreichen Fotografen in irgend einer Weise eine Genre-Spezialisierung haben. Oftmals Portraitfotografie, aber auch viele Werbefotografen, die dann eine Spezialisierung auf Still Lifes haben. Wo auch immer der Fokus liegt, eine Spezialisierung sorgt natürlich dafür, sich in seinem Segment als Experte zu etablieren. 
Jetzt sind natürlich Food & Architektur sicher nicht die gängigsten Genre-Kombinationen, ich denke aber, dass sie sehr viel gemeinsam haben, weshalb diese Kombination für mich Sinn macht und funktioniert. Und das möchte ich euch einmal erklären, denn ich glaube, wenn man Genres kombinieren kann, profitieren beide Schwerpunkte am Ende davon. 
Zuerst einmal beschäftige ich mich in beiden Bereichen mit Dingen, die sich nicht bewegen, nicht mit einem reden und die sich z.T. manipulieren lassen. Das klingt zuerst etwas negativ gegenüber der Model- und Portraitfotografie, es sind aber tatsächlich die genauen Aspekte, die es so einfach machen, diese Genres zu kombinieren und von jedem für das jeweils andere zu lernen. 
Dachkonstruktion am Bahnhof Liège-Guillemins in Belgien

Formensprache und Lichtsetzung sind entscheidend in der Architekturfotografie. Die Komposition basiert auf Formen, Linien, Licht und Schatten. Diese Elemente lassen sich manipulieren, spätestens in der Nachbearbeitung. Aber auch schon während der Aufnahme. Und der wichtigste Punkt: Man hat Zeit! Zeit, sich eine saubere Komposition aufzubauen. Zeit, auf die richtigen Lichtbedingungen zu warten und durch die passende Aufnahmetechnik (Langzeitbelichtung bspw.) umzusetzen. Denn das Gebäude bleibt an seinem Platz, egal zu welchem Wetter, egal zu welcher Tageszeit. Das bedeutet natürlich auch, dass ihr bereit sein müsst, die entsprechende Zeit zu investieren, wenn die Bedingungen vor Ort nicht ideal sind. 

Blutorangen-Saft mit Früchten, Zimt und Zucker auf Holztablett vor rotem Hintergrund

In der Food (und Still Life) Fotografie gelten ähnliche Regeln, mit einer Ausnahme: Das Objekt selbst lässt sich manipulieren! Einerseits kann ein Still Life von Grund auf verändert werden, andererseits haben wir in einer Studio-Umgebung auch noch die volle Kontrolle über das Licht. Still Life ist daher für mich das Genre mit der maximal möglichen Kontrolle über das fertige Bild schon während der Aufnahme. Und genau hier sehe ich auch für mich eine Hierarchie, von der maximalen Kontrolle der Gesamtsituation in der Still Life Fotografie hin zur teilweisen Kontrolle in der Architekturfotografie. Von der Kontrolle in der Still Life Fotografie konnte ich viel übernehmen für meine Architekturaufnahmen, vor allem in Bezug auf Komposition, Linienführung und Fluchtpunkte. Kleine Elemente, die den Blick auf das Hauptobjekt leiten sind elementar in der Food Fotografie. Und davon ausgehend werdet ihr in meinen Architekturbildern häufig Elemente finden, die ebenfalls diese Aufgabe übernehmen (Laternen, Fahnenmaste, kleinere Nebengebäude oder auch die Ziehrichtung der Wolken).

Wie du deine Komposition verbessern kannst

Messeturm in Frankfurt am Main mit Fahnenmasten und Hilfslinien zur Komposition

Konkret bedeutet das, dass Linienführung vielleicht das wichtigste Werkzeug für eine gelungene Komposition ist, und beide Genres sind hierfür perfekte Lehrmeister. In der Architekturfotografie lassen sich Linien perfekt dazu nutzen, einen Flucht- oder Fokuspunkt anzuvisieren. Die Linien führen den Betrachter zum Punkt der größten Spannung oder dienen der Orientierung. Oft reichen schon 1-2 Schritte in eine Richtung um die Linienführung zu optimieren.

Beeren-Joghurt-Müsli auf rustikalem Holztisch mit Hilfslinien zur Erklärung der Bildkomposition

In der Food Fotografie kann die Linienführung etwas komplexer ausfallen und sorgt meistens für eine Führung des Betrachters durch das Bild und an allen wichtigen Bildelementen vorbei. In diesem Beispiel werden verschiedene Blickrichtungen von verschiedenen Objekten im Bild aufgenommen, sodass eine Verbindung zwischen diesen hergestellt wird. Das Bild wirkt in sich geschlossen, obwohl die Elemente scheinbar zufällig angeordnet sind.


Fassen wir also zusammen: Verschiedene Genres sind, bei näherer Betrachtung, in der Herangehensweise an ein Bild gar nicht so verschieden. Meine Beispiele mögen hier eine starke Verbindung aufweisen, ich bitte euch aber, schaut euch mal verschiedene Bilder von euch aus verschiedenen Genres genau an, vergleicht die Kompositionen, vergleicht die Linienführungen und überlegt dann, ob ihr von dem einen Bild, dem einen Genre, nicht doch etwas für das andere Genre übernehmen, lernen könnt. Denn ich bin mir sicher, dass das möglich ist. Probiert das einmal aus und verbessert so eure Kompositionen!

Bis bald!

Tobi



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Kommentare: 2
  • #1

    Stephan Göricke (Freitag, 18 März 2016 17:09)

    Hi Tobi,

    mir gefallen deine Food- und Architekturfotos sehr. Sie inspirieren mich sogar, selbst meine Küche in ein Studio zu verwandeln. Hut ab! :D

    Ich würde mich in Zukunft über Blogbeiträge von dir freuen, in denen du "Behind the Scenes" was vom Set erzählst, der Beleuchtung, ja sogar ob der Holztisch nur eine 1x1m Platte ist oder tollerweise Bestandteil deines alltäglichen Interieurs.

    Liebe Grüße
    Stephan von Image Result

  • #2

    Tobias Gawrisch (Freitag, 18 März 2016 17:20)

    Hallo Stephan!

    Danke für dein Feedback und um deine Frage zu beantworten: Der Holztisch war tatsächlich ein normaler Einrichtungsgegenstand (den habe ich als Couchtisch gebaut, 2 kurze Paletten übereinander + Rollen), wurde in seiner Funktion mittlerweile aber ersetzt, und dient jetzt "nur noch" als Aufnahmetisch. Maße sind übrigens 120cm x 65cm.

    Es gibt ein paar Behind-the-Scenes Aufnahmen auf meinem YouTube-Kanal, hast du die schon entdeckt? Hier mal der Link zur Playlist: https://www.youtube.com/playlist?list=PLNXsOOk_tjuZ02AAvDmT1zxi-oN_zWitO